Archiv August 2007

Wahrheit und Glück

Wenn wir vermuten, dass es vergangenes Glück nie gegeben hätte, wenn wir realistischer gedacht hätten, sind wir dann gut beraten, Wahrheit auch in Zukunft für Glück aufzugeben?

Sokrates

Auf der Suche nach Wahrheit sollten wir Welt- und Menschenbilder in dem Moment verwerfen, in dem wir merken, dass es uns schwer fällt, Hinweise dafür zu finden, dass sie die Welt besser beschreiben als konkurrierende Ideen. Weil das, was wir momentan glauben, beeinflusst, mit wem wir zu tun haben, welche Informationen wir an uns heran lassen und wie wir Nachrichten interpretieren, sollten wir dem unguten Gefühl im großen Denkknäuel umso mehr Aufmerksamkeit schenken.

Die Realität ist, wie sie ist, unabhängig davon, was wir glauben (und das ändert sich auch nicht dadurch, dass die Autorin eines der populärsten amerikanischen Bücher der letzten Monate das Gegenteil behauptet). Die meisten von uns können nicht vermeiden, im Laufe ihres Lebens der Wahrheit näher zu kommen, sei es in Bezug auf Wissenschaft, Beziehungen oder Menschen im Allgemeinen. Insofern ist es sinnvoller, wenn wir falsche Einstellungen nicht zunächst verteidigen und uns langsam zurückziehen, sondern mit jedem gegenteiligen Indiz die Wahrscheinlichkeit unserer Ideen nach unten korrigieren und unplausible Theorien so früh wie möglich verwerfen. Wenn das bedeutet, zu verstehen, dass Zynismus in manch ungemütlicher Hinsicht Realismus ist, müssen wir auch das akzeptieren (oder private Inseln schaffen, auf denen andere Regeln gelten — aber dem Willen von Welt und Evolution widersetzt man sich nicht leicht und selten auf Dauer).

Menschen sind zu anpassungsfähig, als dass uns kurzfristiges Unglück abschrecken sollte, insbesondere nicht dann, wenn es auf längere Sicht zu mehr Wahrheit und damit zu einer höheren Chance darauf führt, unsere Ziele zu erreichen. Wir gewöhnen uns an praktisch jede Änderung so weit, dass unsere Lebenszufriedenheit nach einiger Zeit der vor der Veränderung entspricht. Wir gewöhnen uns an Klassen von Veränderungen, egal ob Tod (nun ja, zumindest an den anderer Leute — beim eigenen bleibt wenig Gewöhnungszeit), Trennung oder andere Traumata, indem wir abrufbare Verhaltensmuster entwickeln und vermutlich gewöhnen wir uns auch an den Gesamtpegel an Veränderungen in unserem Leben.

In den Augenblicken, in denen wir die Götter nicht dafür verfluchen, dass gerade diese Anpassungsfähigkeit uns gegenüber den Tragödien dieser Welt blind macht, sollten wir ihnen danken, denn manche Veränderungen sind endgültig. Manche Dinge kann man nur einmal sagen und so meinen. Das rettet unser Handeln vor Bedeutungslosigkeit; der Wert dessen, was wir tun, liegt in den Dingen, auf die wir dafür verzichten. Dinge, für die man nichts aufgeben würde, sind nichts wert. Es ist nicht die Hochzeitszeremonie, die dem “Ja, ich will” so viel Wert verleiht, sondern das Wissen, dass wir mit den Worten manche Freiheiten für jemand anderen und für immer aufgeben (oder, wenn wir sie wiedererlangen wollen, das nur unter mittelschweren gesellschaftlichen Strafen tun können).

Was wahr ist ändert sich nicht dadurch, dass wir anderer Meinung sind oder dadurch, dass wir es ignorieren. Das, was wir tun, wird durch das bedeutungsvoll, was wir nicht tun. Glück braucht Bedeutung um nicht leer zu sein, Bedeutung braucht Wahrheit um überhaupt zu existieren. Sowohl Glück als auch Unglück sind Teil unserer Welt und je besser wir diese Welt verstehen, desto mehr Einfluss haben wir auf sie.