Beschleunigte Zeiten

Wir wissen wenig über unsere Welt, und das, was wir wissen, ist so seltsam, dass wir es meistens ignorieren. Es gibt keine objektive Zeit; für manche Beobachter geschieht A vor B, für andere B vor A. Wir können nicht feststellen, ob wir in einer Simulation leben. Wir wissen nicht, ob bewusste Beobachter sterben können, und welche Rolle sie in der Physik überhaupt spielen. Wir können nur raten, warum in diesem Universum außer uns niemand zu sehen ist.

Wir wissen wenig über die Zukunft unserer Welt, und das, was uns die Vergangenheit verrät, ist so schwindelerregend, dass wir lieber Konstanz prognostizieren. Ich bin 21 Jahre alt — als ich geboren wurde, gab es kein World Wide Web. Den Großteil meiner Schulzeit über gab es dieses eine Projekt nicht, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, jedem Menschen kostenlosen Zugang zum Wissen der Menschheit zu bieten. Als der Vater meiner Freundin geboren wurde, hatte Alan Turing noch nicht beschrieben, was Algorithmen sind. Vor nicht einmal einem Menschenleben gab es keine Computer. Ein halbes Menschenleben weiter und es gab keine Elektrizitätsversorgung. Zwei Menschenleben zuvor keine Dampfmaschinen. Drei Menschenleben weiter und wir sind im Mittelalter.

Eine Generation vor uns brauchte es tagelanges Recherchieren in Bibliotheken, um herauszufinden, ob die Menschheit die Antwort auf eine Frage hat. Heute genügen 10 Sekunden, um die Antwort auf fast jede Frage zu finden, die die Menschheit je beantwortet hat. Ein oder zwei Generationen nach uns genügen 10 Sekunden, um die Antwort auf fast jede Frage zu finden, die je beantwortet werden kann.

Wir verändern alles und merken es nicht. Blind vorwärts ging lange gut.

11 Kommentare

  1. Si. Siehe mein letztes Gebrabbel im Elektrischen Reporter (falls jetzt der obligate Einwand kommt, Veränderung gabs immer)…

  2. Eine letzte Seite mit allen (oder allen schon im Reporter verbauten) letzten Worten wäre toll. Die Textdatei liegt doch sowieso auf deiner Festplatte.

  3. [...] leben in beschleunigten Zeiten, doch irgendwie bekommen wir das gar nicht richtig mit. Vor allem, weil wir uns einfach treiben [...]

  4. Die Welt ist nicht so einfach wie Physiker oder Computerwissenschaftler glauben beziehungsweise anderen glauben machen wollen. Die Frage der Berechenbarkeit ist noch überhaupt nicht geklärt und Physiker, Mathematiker und Computerwissenschaftler (PMCs) geben epistomologische Aussagen ab die keinen vernünftigen wissenschaftlichen Kriterien genügen.

    Genauso verhält es sich mit den soziologischen, ökonomischen Aussagen der Singularitäristen. Intelligenz wird ganz einfach mit Anzahl von Transistoren gleichgesetzt, wobei jeder der schonmal versucht hat ein komplexes Problem mit einem Programm zu lösen festgestellt hat, dass die theoretische Rechenzeit das geringste Problem ist. Daher hat auch ein berühmter MIT Professor - Neil Gershenfeld - überspitzt gesagt: “Computer Science is the worst thing that could happen to either computers or science.”

    Solange sich die PMCs nicht mit den begrifflichen Grenzen ihrer Wissenschaft auseinandersetzten kann man getrost die meisten metaphysischen Aussagen als Spinnerei abtun. Was heißt es dass die Welt eine Computersimulation sein soll? Wer bedient den Computer? Was ist in diesem Sinne ein Computer? Ein Computer ist dem allgemeinen Verständnis nach eine Box mit elektronischen Schaltkreisen.

    Dass die Welt nicht so einfach ist, sieht man an dem Beispiel mit Wikipedia. Auf gar keinen Fall bildet Wikipedia den aktuellen Stand des bisherigen Wissens ab. Es sind wohl noch 50 Jahre Forschung nötig um so einen Stand zu erreichen, da Wikipedia nur syntaktisch arbeitet und nicht semantisch.

    Computerwissenschaftler sehen Symbole immer nur als Rechenzeichen. Ein Symbol ist jedoch viel mehr als das. Die natürliche Sprache ist nicht einfach eine einfache Abbildung eines Objektes zu einem Symbol. Genau das hat Wittgenstein vor 50 Jahren bereits herausgefunden, als er seine im Tractatus entwickelte Abbildtheorie verworfen hat. Die Grenzen der syntaktischen Symbole kann man heute bei jeder Software feststellen. Selbst nach vielen Milliarden Investitionen steht man bei Google mit dem erklärten Ziel “Das Ziel von Google besteht darin, die Informationen der Welt zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen.” noch ganz am Anfang.

  5. … ohne romantisieren zu wollen- trotzdem schön, dass auch wenn alles so schnell geht wir immer noch alle Menschen sind, und Schriften, die mehrere tausend Jahre alt sind, uns emotional genauso berühren können wie unsere Ururururur-Ahnen.

    Obwohl wir denken, alles verändere sich rasend schnell, hatten diesen Gedanken Menschen schon lange vor allem, was “Elektronik” heissen könnte. Unser Leben mag vollständig anders sein als das unserer Vorfahren, aber unsere Ängste, Wünsche und Hoffnungen sind trotzdem eigentlich gleich.

    Schon ziemlich faszinierend, oder? In gewisser Weise zwingt uns das auch zu sowas wie Bescheidenheit. Wenn man es mal im Kontext der Menschengeschichte sieht, relativiert sich doch einiges. Und wenn man es im Kontext unseres Universums betrachtet, wird alles menschliche fast vollständig bedeutungslos. Macht aber nix ;)

  6. p.s.:
    “Physiker, Mathematiker und Computerwissenschaftler (PMCs) geben epistomologische Aussagen ab die keinen vernünftigen wissenschaftlichen Kriterien genügen.”

    Äh, also das verstehe ich nicht ganz- die Frage bei den Physikern liesse sich noch stellen (auch wenn sie, glaube ich, nicht so wichtig ist, denn die Physik forscht ja immer “an der Grenze”), aber Mathematiker? Die machen doch gar keine Aussagen über die Welt, warum und wie sollte man da nach Grenzen der Erkenntnis fragen?

    p.p.s.:
    Wikipedia kann zwar viel, aber eben all das nicht, was wir nicht abstrakt lernen können- auch wenn es wiki schon vor 19 Jahren gegeben hätte, wäre es mir beim Laufenlernen keine große Hilfe gewesen… ;)

  7. Und wenn man es im Kontext unseres Universums betrachtet, wird alles menschliche fast vollständig bedeutungslos.

    Hängt davon ab, wie der Rest des Universums aussieht. Sind wir der einzige Ort im Universum, an dem etwas entstanden ist, was wir als intelligentes Leben bezeichnen würden, so ist vermutlich nahezu die gesamte Komplexität des Universums in unserem Sonnensystem konzentriert.

    Sind wir der einzige Ort im Universum, an dem Bewusstsein entstanden ist, so gibt es “Bedeutung” sowieso nur für uns.

  8. Ad Zitat: Diese Art der (prostestantischen) Marginalisierung ist eigentlich eine hoffärtige Anthropomorphisierung, anstatt den Vektor zunehmender Komplexität bewusst voranzutreiben.

  9. Ich: Anthropomorphisierung wovon?
    Siggi: Der Bedeutung unserer Existenz (oder so)
    Siggi:Ich glaub ich meine das man unsere “Existenz” nicht mit groß/klein anthropomorphisieren kann
    Siggi: Unsere Existenz ist Voraussetzung für den Schmonzes
    Siggi: Und nach Aristoteles ist Existenz keine Eigenschaft

    Wenn man “bedeutend für” mit “Einfluss habend auf” gleichsetzt (und im Zitat scheint das mit “… auf das Universum” der Fall zu sein), lässt sich die schon groß/klein-mäßig bewerten. Bedeutung muss immer “für irgendwas” sein. Anthropomorphisierung sehe ich in dem Zitat keine, höchstens eine des Universums. “Bedeutung für das Universum” wäre besser mit “Bedeutung für alles existierende und noch nicht existierende bewusste Leben” ausgedrückt.

  10. Stellt sich mir die Frage ob der Sender einer Nachricht die Bedeutung festlegen kann. Den Informationsgehahlt (bit) sicher, aber die “Bedeutung”? Bin mir da nicht sicher. Ist das nicht der Job des Empfängers? In diesem Kontext: “Omegapoint/(post)Singularität/Universumsende”.

  11. Im Allgemeinen kann der Sender einer Nachricht die Bedeutung nur dann festlegen (und auch dann nur unvollständig), wenn der Kontext des Empfängers bekannt ist. Je mehr wir über einen Empfänger wissen, desto eher können wir beurteilen, wie Bedeutung und Einfluss unserer Nachrichten und Aktionen für diesen Empfänger aussehen.

    Über manche Empfänger können wir möglicherweise nicht mehr sagen, als dass die Existenz dieser Empfänger von unseren Aktionen abhängt und dass unsere Aktionen damit Bedeutung haben.

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