Bewusstseinserweiterung

Zunächst waren es nur einzelne. Ich glaube, es war ein Ehepaar aus einem Vorort von Neu-Delhi, das den Anfang machte. Die beiden Implantate waren nicht einmal daumengroß und sehr viel flacher. Das Prinzip war einfach: Elektrische Ströme messen, als Mikrowellen senden, andere Mikrowellen empfangen und wieder zurück in elektrische Ströme umwandeln. Die meiste Zeit hatte die Perfektionierung der Schnittstelle zwischen Nervenzellen und Siliziumchip in Anspruch genommen, danach noch zwei Jahre, um herauszufinden, dass sich zumindest bei Schimpansen ein Teil des visuellen Cortex sehr gut für das Implantat eignet.

“Weil es Grenzen gibt, die wir nie hätten überwinden können. Gefühle lassen sich nicht in Worte fassen, ohne dass das, was sie ausmacht, verloren geht. Unser Bewusstsein hätte sich nicht berühren können, nicht in der Intimität, in der es sich selbst berührt.” Das war drei Jahre nach dem medizinischen Eingriff. Was die beiden wussten und wie sie sich verhielten war auf eine Art aufeinander abgestimmt, wie es sonst nur ein einzelner Körper ist. Perfektes Verständnis, ohne dass Gedanken auf einen eindimensionalen Wortstrang reduziert wurden. Keine Privatsphäre, weil man keine Dinge vor etwas verbirgt, das Teil seiner selbst ist. Und heute? Identitäten, die den Erdball umspannen.

Unser Gehirn ist in eine rechte und eine linke Hälfte aufgeteilt und “wir” sind das Ergebnis der Arbeitsteilung der beiden Hälften. Über ein Datenkabel aus Nervenbündeln namens Corpus Callosum tauschen die beiden Teile unseres Gehirns Informationen aus. Würde mir dieses Datenkabel durchtrennt, so könnte ich nicht mehr aussprechen, was ich auf der linken Seite meines Gesichtsfeldes sehe. Diese visuellen Informationen werden an die rechte Gehirnhälfte weitergeleitet, mein Sprachzentrum befindet sich in der linken und ein Datenaustausch ist ohne Corpus Callosum nicht mehr möglich.

Und doch gibt es Menschen, die ohne Corpus Callosum geboren werden und sich normal verhalten. Bei ihnen haben die beiden Hemisphären gelernt, über weniger direkte Wege Informationen miteinander auszutauschen. Das legt nahe, dass auch bei gesunden Menschen ein Lernvorgang stattfindet, in dem die beiden Gehirnhälften lernen, was sie mit den Informationen anfangen sollen, die sie von der anderen Hälfte erhalten. Die zwei Gehirnhälften sind unabhängige kognitive Systeme, die systematisch Informationen miteinander austauschen und sich so aufeinander abstimmen.

Auch Menschen, die miteinander kommunizieren, sind kognitive Systeme, dich sich aufeinander abstimmen. Die Bandbreite gesprochener Sprache beträgt weniger als 500 Bits pro Sekunde. Das Datenkabel zwischen den Gehirnhälften überträgt jede Sekunde mehr als 100 Millionen Bits. Wenn zwei Gehirnhälften lernen können, mit derart großen Datenmengen umzugehen, warum dann nicht auch zwei oder mehr Gehirne?

Die technologischen Anforderungen für drahtlose Brain-to-Brain-Interfaces sind vergleichsweise gering, die gesellschaftlichen nicht abzusehen, wenn wir das erste Mal in der Menschheitsgeschichte verändern, was Identität bedeutet. Die Zukunft ist nicht unsere Welt mit kleineren Handys, größeren Bildschirmen und schnelleren Computern. Vielleicht ist allgemeine künstliche Intelligenz unmöglich, vielleicht wird es Eric Drexlers Nanoassembler nie geben wird und vielleicht ist unser Gehirn zu komplex, als dass wir je molekulare und psychologische Ebene umfassend miteinander verbinden können. “Achtung, radikal anders!” steht auch dann auf allen Wegweisern.

Forschung findet hinter von außen verschlossenen Türen statt. Spektrum der Wissenschaft zeigt bunte Roboter und wir wissen, dass wir von dem, was unsere Welt verändert, nichts mitbekommen, weil sich “Learning about a Categorical Latent Variable under Prior Near-Ignorance” nicht gut verkauft. Wir sitzen im selben Boot, manche rudern, und wir sehen nur, dass das Grün, das sich um den Fluss rankt, noch das gleiche ist wie gestern. Dabei hätten wir das Rauschen des Wasserfalls längst hören können.

10 Comments

  1. Yay! Ein Schritt näher auf dem Weg zum Kollektiv! Vielleicht erfahren wir dann auch, warum ein Kubus die ideale Struktur für ein Raumschiff zu sein scheint.

    Interessanter Eintrag. 100 Millionen Bits…
    Könnte ein Gehirn auf Signale eines anderen Gehirns passend reagieren? Die Informationen verabeiten und reagieren?

    Der letzte mit Metaphern überhäufte Absatz gefällt mir übrigens besonders :)

  2. Benedict on June 17, 2007, 22:00

    Schon ein spannendes Gedankenexperiment, dass der Herr Churchland da vom Stapel läßt…
    Besonders, weil es- wenn es denn möglich ist- tatsächlich unseren Identitätsbegriff vollständig aufhebt. Das Ehepaar aus Neu-Delhi ist tatsächlich nur noch EIN Mensch. Allerdings dürfte der ganze Spaß nur möglich sein, wenn die Operation noch vor dem Erlernen der Muttersprache stattfindet, was eine recht frühe Heirat voraussetzt. ;)

    Wie berechnen sich die 500Bits/s? Selbst bei geschriebener Sprache ist doch die Streuung enorm; ein guter Schriftsteller kann auf engstem Raume viel mehr Informationen mitteilen als ich, eben weil seine Texte nicht nur die Menge seiner Buchstaben, sondern voll von Anspielungen, Deutungsmöglichkeiten, etc sind.
    Bei direkter zwischenmenschlicher Kommunikation dürfte das ganze noch schwieriger werden- die Datenmenge, die wir abseits des rein semantischen Teils unserer Sprache “übertragen”, muss enorm sein! Das geht übrigens mit Paul ziemlich gut zusammen, der ja sowieso von Sprache nicht so viel hält: Unsere nicht-verbale (oder nicht sprachgebunden semantische) Kommunikation muss mit Propositionen herzlich wenig zu tun haben, besonders, da sie ja sowieso größtenteils unbewusst abläut.

    Ich muss hier allerdings mal eine Stange brechen: Die Mächtigkeit von Sprache geht weit über ihren bloßen semantischen Inhalt hinaus; ich würde sogar sagen, dass sie aus dem Rahmen der FP fällt. Zumindest, was den Teil angeht, der- s.o., etc. pp. :)

    FP wäre dann eine Theorie (falls sie denn eine ist), die nicht einmal unserer Sprache Genügen täte. Was dann aber das gesamte Konzept der Propositional Attitudes in Frage stellt…

  3. Allerdings dürfte der ganze Spaß nur möglich sein, wenn die Operation noch vor dem Erlernen der Muttersprache stattfindet, was eine recht frühe Heirat voraussetzt. ;)

    Möglich, muss aber nicht sein. Das Gehirn kommt mit Unfällen klar und kann zusätzliche Informationen auch später noch ins interne Weltbild integrieren.

    Ich weiß nicht, wie Churchland die 500 Bit/s berechnet hat. Laut Wikipedia sind 800 Bit/s Minimum für erkennbare Sprache, etwa 1 Mbit für wirklichkeitsnahe Qualität. Egal, welches von beiden eher der tatsächlichen Datenrate entspricht, die die inneren Haarzellen erzeugen — die Angabe stellt lediglich eine obere Schranke dar, in dem Sinne, dass es keine sprachliche Information — egal, welche Anspielungen und Deutungsmöglichkeiten sie enthält — gibt, die nicht mit dieser Datenrate kodiert werden kann (Annahme maximaler Entropie).

    Für semantische und weitergehende Sprachmittel wären Komplexitätsmaße wie die algorithmische Tiefe zuständig, aber über das, was sich auf der Ebene abspielt, sagt Churchland nichts. Muss er auch nicht, es sei denn, die interne Codierung ist so ineffizient und die der Sprache so effizient, dass der algorithmische Informationsgehalt der Nachrichten beider Kanäle pro Zeiteinheit sich in etwa auf gleicher Ebene bewegt. Sehr unwahrscheinlich.

  4. Benedict on June 18, 2007, 19:08

    “…egal, welche Anspielungen und Deutungsmöglichkeiten sie enthält — gibt, die nicht mit dieser Datenrate kodiert werden kann”

    Ok, sehe ich ein.

    “…dass der algorithmische Informationsgehalt der Nachrichten beider Kanäle pro Zeiteinheit sich in etwa auf gleicher Ebene bewegt. Sehr unwahrscheinlich.”

    Das meine zwei Gehirnhälften wesentlich schneller Informationen austauschen, als ich es mit Texten kann, ist sicher richtig. Aber wie groß die Gesamt-Datenmenge ist, die bei direkter zwischenmenschlicher Kommunikation “übertragen” wird- also alles, was ich von dem anderen bewusst und unbewusst wahrnehme, inklusive Mimik, Bewegungen, sämtliche Produkte seiner Atmung und Stimmbänder, die gesamte Kaskade chemischer Botenstoffe- läßt sich wahrscheinlich nicht nur schwer messen; ich vermute, wie gesagt, auch, dass sie enorm ist.

  5. [...] und damit zu handelbaren Gütern werden, ist etwas gewöhnungsbedürftig. Woanders denkt jedoch Andreas darüber nach, wie künftig Bewusstseinserweiterung durch Implantate im Gehirn (und deren [...]

  6. welches sensorische System wollt ihr denn fuer den input eures implantats zweckentfremden? der gehoernerv hat ja wohl zu wenig bandbreite… im gegensatz zum sehnerv vielleicht… ok, nehmen wir einen von denen. und output? oehm? am corpus callosum horchen? meinetwegen, wir sind ja bandbreitengeil.

    ok, wir haben jetzt nen sehnerv, der lauscht, was sich die beiden gehirnhaelften eines anderen menschen denn so erzaehlen. prinzipiell jedenfalls. abgesehen von der tatsache, dass wir staendig gegen tuerrahmen laufen, weil wir dummerweise kein raeumliches sehen mehr beherrschen, “sehen” wir mit unserem modifizierten auge bestenfalls “ameisenkrieg”. (“kann man das auch wieder abschalten? ich werd wahnsinnig!”)

    vorschlaege? ok, fangen wir mal schoen klein an, premature optimization is the root of all evil. also weniger bandbreite vielleicht? auge flugs wieder in den urzustand verbracht, wunden leckend sitzen wir da und fragen uns, was wir machen koennten.

    ich habs. morsen! also schnell ein neuron ausfindig gemacht, was immer genau dann feuert, wenn ich an meine oma denke. das ist mein mentaler output. als input nehmen wir vielleicht dieses mal einen einzelnen nervenstrang aus dem gehoernerv, fuer ein einfaches piepen?

    verflixt schwierig, mal kurz, mal laenger an oma zu denken…

    im besten fall “merkt” das neuron, dass es scheinbar zu hoeherem berufen ist, als nur an oma zu denken, und ich kann es bald sehr viel mueheloser ansprechen.

    falls alles reibungslos funktioniert, hab ich meine zwischenmenschliche kommunikation um ein morsefunkgeraet erweitert. klasse. globales bewusstsein, … . .-. . .. -.-. — — .

    nachtrag:

    wodurch um alles in der welt soll sich denn ein hypotetisches funkinterface vom alteingesessenen audiointerface (unseren ohren) unterscheiden? wir sind durch unsere (wie auch immer geartetete) kommunikation doch bereits ein kollektives bewusstsein? wie soll denn ein neuronales implantat eine hoehere durchschlagskraft auf unser bewusstsein haben, als der verbalisierte gefuehls- und erfahrungsaustausch?

  7. screeby01 on July 10, 2007, 4:34

    eine interessante sache mit dem implantat – dennoch halte ich es fuer bloedsinn da der mensch ja nicht ohne grund als individuum existiert. wenn sich ein ehepaar dazu entscheidet dann ist das vielleicht wirklich eine tolle erfahrung fuer die beiden, aber wenn mehr leute mit so einem implantat ausgestattet wuerden dann kann ich mir nur noch chaos vorstellen.

  8. Mir fällt gerade noch ein- auch wenn das nur noch zum weiteren Themenkreis gehört-, dass Sprache noch eine weitere, (vermutlich) wichtige Funktion erfüllt: Die Kommunikation mit mir selber.

    Dass mein Bewusstsein, oder das, was ich (bewusst) als (bewusstes) “mich” bezeichne, mit dem, was ich (physisch) bin und was das (bewusste) “mich” ausmacht, nur begrenzt zu tun hat, halte ich für wahr. Meine Selbstwahrnehmung, gerade was (auch vermeintlich rationale) Entscheidungsketten, emotionale Reaktionen etc angeht, dürfte sich von den tatsächlichen Kausalitäten in mir stark unterscheiden. (Das ist die “nicht Herr im eigenen Haus”-Schiene.)

    Dann geht aber Sprache über ein Ich.send(MeinInnererZustand, Du) weit hinaus. Adressat ist dann nicht mehr nur “Du”, sondern zu erheblichem Teil auch mein nicht-bewusstes Ich. Das Gespräch hat also auch relevanten Einfluss auf mich als “Sender”. Bedenkt man die viel-beschworene nicht-verbale Ebene, wird zudem deutlich, dass das Prinzip von Sender und Empfänger einem Gespräch nicht Genüge tut: Schließlich kommunizieren beide Gesprächspartner zeitgleich und aufeinander bezogen durch Mimik, Gestik, Gerüche, usw. Das heißt, dass ein Gespräch nicht nur Informationsaustausch, sondern auch- ja was eigentlich? “gemeinsamer Geisteszustand-Veränderungs-Prozess”? “Abgleich nichtbewusster Gehirnzustände”? “vielkanaliger Dialog” (mein Bewusstsein- dein Bewusstsein; mein Unterbewusstsein- mein Bewusstsein; mein Unterbewusstsein- Dein Bewusstsein; usw. usf.)?- ist.

    Die Frage ist also nicht nur, ob es effektivere Wege der Kommunikation gibt als unsere Sprache, sondern auch, welche Funktion unsere Sprache eigentlich erfüllt und ob ihr die Funktion, die wir ihr intuitiv zuschreiben, gerecht wird.

  9. Ja. Ich denke auch, dass Selbstwahrnehmung und Wirklichkeit häufig nicht übereinstimmen und dass Sprache nicht nur Einfluss auf den Empfänger, sondern auch auf den Sprechenden hat.

    Appeal to StudiVZ-authority: “Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?”

    Dadurch, dass wir Dinge sagen oder aufschreiben, machen wir diese zu unserer tatsächlichen Meinung.

    Welche der Eigenschaften und Effekte des (Fremd- und Selbst-)Kommunikationsmittels Sprache sind uns wichtig genug, dass wir sie für zukünftige Kommunikationsformen beibehalten wollen?

  10. Habe Ihren Artikel allerdings nur überflogen. Kenne mich hier
    allerdings aber auch nicht so aus.

    Was müsste man unternehmen, wenn man das Gegenteil erreichen
    will: also keine Bewusstseinserweiterung.

    Was liegt bei den Personen vor, die Stimmen hören und das
    nicht möchten? Was läuft hier falsch?

Write a Comment