Bewusstsein und Kreativität
In dem Kapitel “Consciousness and Creativity” aus dem Buch “On Intelligence” beantwortet Jeff Hawkins zahlreiche häufig gestellte Fragen zu den Themen Intelligenz, Bewusstsein, Fantasie und Kreativität. Grundlage dafür ist seine allgemeine, in “On Intelligence” erstmals vorgestellte Theorie der Intelligenz: Das “memory-prediction framework”.
Sind Tiere intelligent?
Wenn man “intelligent” als “benutzen Erinnerung und Vorhersage um sich erfolgreicher fortzupflanzen” definiert, so sind alle Tiere intelligent, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung. Selbst Einzeller: Deren Gedächtnis ist die DNA, es werden “Vorhersagen” getroffen, was der Einzeller tun muss, um an Nahrung zu kommen und Lernvorgänge finden durch Evolution statt.
Was ist das Besondere an menschlicher Intelligenz?
Erstens ist unsere Großhirnrinde schlichtweg größer, d.h. wir erkennen subtilere Strukturen in der Welt. Zweitens konnten wir aufgrund dieser Größe eine Sprache entwickelt, mit der “Erinnerungen” geschaffen und weitergegeben werden können.
Die drei Epochen der Intelligenz:
- DNA als Speichermedium für Erinnerungen, d.h. keine Lernvorgänge während der Lebenszeit.
- Anpassbare Nervensysteme, d.h. Lernvorgänge, aber keine Kommunikation des Erlernten an die Nachkommen.
- Beim Menschen: Entstehung von Sprache, Kommunikation von Erlerntem.
Was ist Kreativität?
Das Erstellen von Vorhersagen durch Analogien. Vorhersagen, und damit auch Kreativität, finden auf jeder Ebene der Großhirnrinde statt. Der umgangssprachliche Begriff “Kreativität” bezeichnet dabei meist nur die Vorhersagen auf den höheren, für abstrakteres Denken zuständigen Ebenen, und meist nur dann, wenn “ungewöhnliche” Analogien im Spiel sind.
Sind manche Menschen kreativer als andere?
Jeder Mensch macht andere Erfahrungen im Laufe seines Lebens, entwickelt also ein anderes Modell der Welt. Man ist in dem Bereich kreativ, in dem man viel Zeit mit Lernvorgängen verbracht hat und dadurch Strukturen subtilerer Art erkennt. Dazu kommt, dass sich Gehirne von den physischen Gegebenheiten her unterscheiden können, z.B. von der Anzahl der Zellen oder der Art der Verbindungen her.
Wichtig für Kreativität sind:
- Zuversicht, dass man eine Lösung finden wird.
- Nachdenken über ein Problem über einen längeren Zeitraum hinweg.
- Das Verändern der eigenen Perspektive, d.h. der Sichtweise eines Problems, um so neue Analogien zu finden.
Die Neigung des Gehirns, Korrelationen zu finden, kann allerdings — wie die Geschichte der Wissenschaft zeigt — leicht zu falschen Vorstellungen der Funktionsweise der Welt führen.
Was ist Bewusstsein?
Bewusstsein bezeichnet das Gefühl, eine Großhirnrinde zu haben. Dabei lassen sich zwei Bestandteile ausmachen: Das alltägliche “bewusst”-sein und Qualia.
Ersteres bezeichnet den Zustand, in dem wir Erinnerungen bilden, die wir später “bewusst” aufrufen können. Letzteres bezeichnet die innere Wahrnehmung von Sinneseindrücken.
Eine Frage hierbei ist, warum Sehen sich anders anfühlt als Hören — wo doch beides lediglich Muster in der Aktivität von Neuronen hervorruft. Hawkins erwägt zwei Möglichkeiten: Die verschiedenen Sinneseindrücke könnten bereits vor Eintritt in die Großhirnrinde auf unterschiedliche Weise “vorverarbeitet” werden und dort Empfindungen hervorrufen. Außerdem könnte die Struktur der Eingabemuster bestimmen, wie diese wahrgenommen werden.
Das Gefühl, dass unsere Gedanken unabhängig von unserem Körper sind, stammt laut Hawkins daher, dass unser Gehirn zwar ein Modell unseres Körpers bildet, aber kein Modell des Gehirns. Im Gehirn sind keine Sinneszellen vorhanden. Gedanken sind zwar unabhängig vom Körper, aber nicht unabhängig vom Gehirn.
Was ist Fantasie/Vorstellungsvermögen?
Wenn Vorhersagen einer Gehirnregion zu den Eingabemustern dieser Region werden, können wir die Konsequenzen unserer Vorhersagen sehen, d.h. wie stellen uns etwas vor, wir planen.
Was ist Realität?
Unser Gehirn bildet ein Modell der Realität, da wir zu jedem Zeitpunkt nur einen kleinen Teil der “absoluten” Realität wahrnehmen. Dabei wird ein Großteil unserer Wahrnehmung aus Erinnerungen konstruiert. Die physikalischen Eigenschaften der Welt werden von jedem Menschen gelernt, vieles andere ist aber von unserer sozialen und kulturellen Situation abhängig.
Der nächste Teil der On-Intelligence-Reihe: Die Zukunft der Intelligenz
[1] Jeff Hawkins, Sandra Blakeslee: On Intelligence (Times Books, 2004)
[2] Jeff Hawkins: On Intelligence (AI Playground)

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