Um Leben und Tod

Ein Blick in die langweiligere Version der Zukunft verrät, was jeden von uns erwartet. Trist.

Death

Ich bin noch nicht vielen intelligenten Menschen begegnet, die ernsthaft der Meinung sind, dass der unfreiwillige Tod langfristig Teil unserer menschlichen Gesellschaft sein sollte. Das hier ist ein Ausschnitt einer dieser seltenen Diskussionen.

Warum sollten wir überhaupt Interesse daran haben, länger zu leben?

Sollten wir nicht. Aber wenn wir Interesse daran haben, sollten wir nicht gezwungen sein, gegen unseren Willen zu sterben.

Ich habe Interesse. 85 Jahre sind nichts.

Eine Leben reicht gerade so, um ein, vielleicht zwei Gebiete wirklich gut kennenzulernen — so gut, dass man an die Grenzen des bekannten Wissens stößt und selbst Neues entdecken kann. Für manche Gebiete — und es liegt leider nahe, dass das Verständnis unseres Gehirns dazu zählt — werden 85 Jahre nicht für vollständiges Verständnis reichen. Ich will nicht eine Vielzahl von Gebieten nur oberflächlich kennen — und ich will nicht am Ende meines Lebens nur über Wahrscheinlichkeitstheorie Bescheid wissen. Oder nur Komplexitätstheorie. Nur Quantenphysik. Biochemie. Psychologie. Poesie. Astronomie. Musik. Philosophie.

Ich will die Welt im Zusammenhang verstehen, nicht zentimeterweise.

Ich will die Zukunft sehen, alles was noch vor uns liegt. Die Menschheit hat gerade erst angefangen, sich aus eigenem Antrieb heraus zu entwickeln. Fast alle großen menschengemachten Veränderungen stammen aus den letzten 1000 Jahren. Die einflussreichsten davon aus den letzten 100 Jahren. Wo sind wir in noch einmal 100 Jahren? 1.000? 100.000?

Und es geht nicht nur um Neugierde. Es geht auch um das Zusammensein mit anderen Menschen. Warum sollen sich Wege für immer trennen, nur weil eine biologische Uhr abgelaufen ist?

Um nicht sterben zu wollen, muss man den Tod nicht fürchten. Es genügt, wenn man sein Leben mag.

Was, wenn du in hohem Alter an einem Punkt angelangt bist, an dem du den Tod als “an der Zeit” ansiehst?

Dann kann ich mich immer noch umbringen.

Allerdings sind die Alterungsprozesse, die uns dazu bewegen, den Tod für als “an der Zeit” zu akzeptieren, Teil des Problems. Ein objektives “an der Zeit” gibt es nicht. Subjektiv würde ich nicht wollen, dass ich mich so entwickle, dass ich es für an der Zeit halte, meinen Bewusstseinsstrom unwiderruflich zu beenden — vor allem dann nicht, wenn wahrscheinlich ist, dass das, was mich zu der Entscheidung geführt hat, der langsame aber stetige Abbau meiner geistigen Fähigkeiten war. Statt mehr lernen zu können, je älter wir werden, nehmen unsere kognitiven und körperlichen Fähigkeiten immer weiter ab.

Du möchtest nicht eines Tages an den Punkt kommen, den Tod zu akzeptieren? Wieso sollte das, was du dann meinst, weniger Wert haben, als das, was du jetzt meinst?

Du möchtest nicht eines Tages an den Punkt kommen, den Mord an Kindern zu genießen? Wieso sollte das, was du dann meinst, weniger Wert haben, als das, was du jetzt meinst?

Ich werde mehr erlebt haben, mehr wissen und das, was ich dann glaube, wird im Allgemeinen näher an der Wahrheit liegen als das, was ich jetzt glaube. Ich will und werde mich verändern. Dennoch gibt es Richtungen, in die ich mich aus jetziger Sicht nicht verändern möchte.

Führt Lebensverlängerung nicht zu furchtbarer Überbevölkerung?

Nein. Entweder Kinder bekommen oder selbst länger leben.

Ist der Tod denn nicht zu irgendwas gut?

Als Art wären wir ohne den Tod nicht da, wo wir heute sind, keine Frage. Ohne Tod keine Evolution. Dass der Tod nötig war, um hierher zu kommen, heißt nicht, dass wir uns nicht überlegen können, ob es ohne geht. Es würde zur weiteren Evolution des menschlichen Immunsystems mehr beitragen, auf die Behandlung von Krankheiten zu verzichten. Wenn wir all diejenigen sterben lassen, die an einer Lungenentzündung leiden, brauchen wir in 10.000 Jahren deutlich weniger Grippemedikamente.

Pragmatisch betrachtet: An welcher Stelle erklären wir das Ziel der Medizin erreicht und forschen nicht weiter? Wenn alle Krankheiten heilbar, alle Leiden behandelbar sind? Projekte wie SENS, die das Altern bekämpfen wollen, wird es auch dann noch geben. Bleiben die erfolglos, so ist die Diskussion hinfällig. Bleiben die nicht erfolglos, so wird sich die Diskussion um die Notwendigkeit des Todes von selbst regeln: Diejenigen, die an die Notwendigkeit des Todes glauben, werden sich früher oder später aus der Diskussionsrunde rausselektieren.

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