Memecodes: Die Evolution von Websites

Websites werden von Menschenhand gestaltet. Sie existieren, weil Menschen die darauf zu findenden Informationen verbreiten möchten oder ein anderes Ziel damit verfolgen. Doch muss das so sein? Was passiert, wenn Informationen sich evolutionär ausbreiten und der Inhalt einer Website sich ohne menschliches Zutun selbständig verändern kann?

Im Februar 2004 setzte Philipp Lenssen [1] ein Experiment auf, um genau das auszuprobieren.

Zu diesem Zweck generierte er per Algorithmus 5.000 Seiten mit zufälligen Wortsequenzen als digitalem DNA-Ersatz und stellte sie unter dem Projektnamen “Memecodes” ins Netz [2]. Diese Seiten, die neben einer zufälligen Auswahl von Wörterbuch-Einträgen auch Satzzeichen, Bindewörter, einige bekannte Markennamen sowie die Namen berühmter Persönlichkeiten enthalten, wurden bald darauf von Suchmaschinen besucht und in deren Index aufgenommen.

Wenn nun ein Besucher über Google eine der Seiten aufruft, zählt diese als im Sinne der Evolution erfolgreich und darf Nachkommen erzeugen: Per Datenbank wird eine neue, zufällig veränderte Version dieser Seite erstellt und auf der Memecodes-Startseite verlinkt. Diese Seite wartet nun darauf, erst von Suchmaschinen indiziert zu werden, dann von einem Besucher angeklickt zu werden und wiederum eine Nachfolgeseite zu erschaffen — so schließt sich der Kreis.

Wird eine Seite lange Zeit von keinem Besucher aufgerufen, so “stirbt sie”, d.h. sie wird gelöscht. Die Suchanfragen der Suchmaschinen-Benutzer entsprechen demnach der Nahrung in natürlichen Ökosystemen.

Nach einer Weile ist zu erwarten, dass sich mehr und mehr Seiten auf bestimmte ökologische Nischen konzentrieren, indem sie Wortkombinationen enthalten, die im Internet noch kaum abgedeckt sind. Nur bei solchen Wortkombinationen erscheinen die Memecodes-Seiten unter den ersten Suchergebnissen, und nur solche Seiten “überleben”.

Je länger das Experiment läuft, umso interessanter das Ergebnis. Bleibt es lange genug bestehen, so könnten sich aus dem Haufen zusammengewürfelter Zufallssätze mit der Zeit sogar bedeutungstragende Inhalte entwickeln.

Seit Beginn des Experiments sind neun Monate vergangen, und einige der Seiten können bereits auf 4 Generationen an Vorfahren zurückblicken. Ein Blick auf die Statistik der Suchanfragen [3], die zu den Memecodes-Seiten führten, zeigt unter anderem folgende Wortkombinationen — die Zahl vorweg gibt die Anzahl der Suchanfragen an:
63 sphagnum esplanade lyrics
62 marshmallow blowgun
56 lockout buster
48 WWW£¬5757£¬MY ¡£COM
44 feel the wrath of salivating mushroom (...)
43 shush bikini
40 seagull sandwich riddle
34 caftan marocain
33 sandboy revelation
33 incubus torrent
32 labial infusion
32 girdle.us
29 reticulated stingray
24 Sphagnum Esplanade lyrics
24 lockout buster schematic diagram

Vorläufiges Fazit: Die Idee, Webseiten durch Evolution zu erzeugen ist der näheren Betrachtung wert, das Prinzip der Evolution als Bestandteil von Algorithmen sowieso und das Experiment zeigt auch schon erste Erfolge. Doch auch der Nachteil von auf Evolution basierenden Verfahren zeigt sich hier: Sie brauchen sehr viel Zeit. Nicht umsonst sind zwischen dem Auftauchen der ersten einzelligen Lebewesen und dem der ersten Menschen etwa 3.5 Milliarden Jahre vergangen.

[1] Google Blogoscoped
[2] Memecodes
[3] Memecodes Statistiken

One Comment

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