Metaphern
Wirklich Neues gibt es nicht. Es gibt lediglich Ideen, zu deren Erreichen wir eine größere Zahl an Inferenzschritten benötigen als für andere. Das Lösen einer Mathe-Aufgabe für Drittklässler unterscheidet sich nur quantitativ von der Erkenntnis, dass Ort und Impuls eines Teilchens niemals gleichzeitig exakt bestimmt werden können.
Das, was uns durchgedacht und zugeschnürt vorgesetzt wird, mögen wir akzeptieren, aber wir werden es niemals verteidigen. Null Inferenzschritte. Nur das, was wir selbst entdecken, machen wir uns zu eigen. Wenn wir bereits Ideen absorbieren, für die wir uns ohne Überzeugung und von der Endidee ausgehend Argumente ausdenken, wie viel stärker fühlen wir uns dann zu Ideen hingezogen, die wir selbst erdacht haben?
Wissenschaft funktioniert, weil jede Veröffentlichung (hoffentlich) Daten enthält, von denen aus wir den letzten Inferenzschritt selbst vollziehen können. Kunst funktioniert, weil sie Ideen nimmt und von dort aus einige Inferenzschritte rückwärts geht.
In einer Welt idealer Rationalisten macht es keinen* Unterschied, ob die letzten gedanklichen Schritte selbst ausgeführt oder fertig präsentiert werden. In unserer Welt dagegen ist es leicht, mich von einer Idee zu überzeugen. Ich muss die Idee dazu nur als meine eigene ansehen.

ohh :-O, Erste… *sich verstohlen umsieht, ob nicht vielleicht doch jemand da ist, der besser weiß, wie das funktioniert*
“Wirklich Neues gibt es nicht.”… wirklich? Wie passt das zusammen mit: “Wissenschaft funktioniert, weil jede Veröffentlichung (hoffentlich) Daten enthält, von denen aus wir den letzten Inferenzschritt selbst vollziehen können.”? Wenn der Wissenschaftler selber diesen letzten Inverenzschritt geht, entdeckt er dann nichts Neues? Oder ist es im Prinzip vorher klar, was er entdecken wird, und daher unerheblich, dass er es entdeckt hat. (Er geht nur einen vorbestimmten Inferenzschritt.) Wenn ja: waren dann alle Erklärungen alt, und nur noch nicht gegeben? Dann gäbe es wirklich nichts Neues, dann gab es das nie, und dann wird es das nie geben.
Lohnt es sich dann aber noch, diesen Weg zu gehen? Wenn wir wissen, dass egal, was wir tun alles vorhersagbar war? Sicher, da wir den letzten Inferenzschritt gegangen sind, empfinden wir das als erfolgreich, wir sind von unseren Ideen überzeugt, selbst wenn sich herausstellt, dass sie fehlerhaft waren. Wäre es nicht trotzdem unbefriedigend? Denn es würde bedeuten, dass niemands Ideen seine eigenen sind. Wie können wir uns trotzdem dieser Illusion hingeben, sie sogar so erweitern, das nicht einmal nur unsere Entdeckungen zu unseren Ideen werden, sondern auch die Endeckungen anderer, die wir bei diesen entdeckt haben?
Wäre es da nicht einfacher anzunehmen, dass es durchaus Neues gibt? Etwas, was quasi hier und jetzt darauf wartet, entdeckt zu werden? (Ok, wenn wir das annehmen kann es wiederum nur eine Flucht davor sein, dass wir nicht wissen, ob es etwas Neues gibt, und wir sagen, dass es jedenfalls für uns neu ist.) Aber bis jetzt hat diese Strategie verdammt gut funktioniert, und wenn sie tatsächlich fehlerhaft war, warum ist das bis jetzt noch nicht offensichtlich geworden? Sind wir tatsächlich so manipulierbar? Oder ist es vielmehr die Tatsache, dass schon der Idee an sich innewohnt, dass sie in einem gewissen Sinn immer neu ist, da sie sich erst in unserem Kopf formiert. Und diese nun mal verschieden sind.
*wundert sich, wie sie jetzt auf dieses Thema gekommen ist, hat aber das Gefühl, das diese Annahme dem Text zu Grunde liegt*
Was man als “wirklich neu” bezeichnet ist Definitionssache und in gewisser Weise hast du Recht: Der Wissenschaftler entdeckt Neues, für sich oder für die Menschheit. Mit dem ersten Satz wollte ich lediglich sagen, dass jeder Schritt nach vorne auf all den Schritten davor beruht, dass das nie anders sein kann und dass Alltagsproblemlösen und bahnbrechende Forschung sich nur insofern unterscheiden, als dass letztere mehr Schritte weiter geht.
Ich habe bei Diskussionen wie der, ob es wirklich Neues gibt, immer ein bisschen Angst, dass am Ende nur noch Worte bleiben, weil jede Position die Realität gleich gut beschreibt.
Ich habe bei Diskussionen wie der, ob es wirklich Neues gibt, immer ein bisschen Angst, dass am Ende nur noch Worte bleiben, weil jede Position die Realität gleich gut beschreibt.
Wenn man beschreibt, was objektiv zu beschreiben ist (also die Realität), ist das sicher so. Wenn man aber fragt, wie der Einzelne das empfindet, dann gibt es meiner Meinung nach durchaus Unterschiede. Zum Beispiel gibt es Leute, die bei den kleinsten Schritten von großen Errungenschaften sprechen, und solche, die selbst bei wirklich bahnbrechenden Entdeckungen zurückhaltend sind. Einige sind für das übernehmen von Ideen empfänglicher, andere zweifeln an vielem. Deshalb lassen sich solche Inferenzschritte vielleicht generell nur individuell festlegen.
Bei der Frage nach dem Neuen ist es für mich genauso: jeder hat einen anderen Hinergrund, andere Erfahrungen, anderes Wissen.
In unserer Welt dagegen ist es leicht, mich von einer Idee zu überzeugen. Ich muss die Idee dazu nur als meine eigene ansehen.
Ich bin einfach nicht überzeugt, dass das bei jedem funktioniert.
Ich habe bei Diskussionen wie der, ob es wirklich Neues gibt, immer ein bisschen Angst, dass am Ende nur noch Worte bleiben,
Ich auch, aber das habe ich fast bei jeder Diskussion.
If a tree falls in a forest and no one hears it, does it make a sound?
Woher wusstest du, dass ich Bäume mag? ^^
Natürlich funktioniert das bei jedem ;)… Wenn ich eine Idee entwickle, dann ist sie Bestandteil von mir und dann werde ich sie verteidigen. Solang ich sie als eigene ansehe und nicht irgendwie mitbekomme, dass mich da jemand nur zu manipulieren versucht o.Ä. Und für diese Manipulation gibt es so unzählig viele Wege, dass sie bei jedem funktionieren, ob gewollt oder nicht.
Eigentlich seltsam, dass eigene Ideen immer wichtiger sind als die der anderen.
Und zum Thema: Gibt es Neues?
Wenn du bestreitest, dass es keine neu zu entdeckenden Dinge gibt, sondern solche Sahen nur wiedererkannt werden, d.h. nachvollzogen werden, dann begibst du dich in das einzig mögliche Terrain für diese Behauptung: Sokrates und die Unsterblichkeit der Seele ;) bzw. man könnte wohl auch noch Platons Ideenwelt anbieten.
Tue ich nicht (und generell halte ich den Teil der Diskussion für von fraglichem Nutzen, siehe mein letzter Kommentar). Solltest du nicht gerade auf die Neuroanatomie-Klausur lernen, die wir in ein paar Stunden schreiben? ;)
Sorry, hab mich unklar ausgedrückt, das war an Chris gerichtet ;). sie hatte die Frage aufgeworfen.
Dies ist zum Verständnis deines Artikels zwar nicht wesentlich, aber als (hoffentlich irgendwann) angehende Physikerin muss ich hier trotzdem widersprechen. Das Lösen einer Matheaufgabe unterscheidet sich nicht nur quantitativ von einer Erkenntnis im Bezug auf die physikalische Welt. ;)
Würde ich sofort unterschreiben. Keine Idee ergibt sich aus dem Nichts, für jede Idee, die wir haben, nutzen wir Vorwissen, zu dem immer auch jemand anders beigetragen hat. Wenn dieser “jemand anders” es nun geschickt anstellt, kann er ein beliebiges Subjekt Schritt für Schritt zu für das Subjekt neuen Gedanken bewegen, die der “jemand anders” schon vorher hatte – anderen Menschen die eigenen Ideen einzuflößen bedeutet in diesem Fall zwar, auf jeglichen Ruhm verzichten zu müssen, es kann aber auch die einzige Möglichkeit für die Verwirklichung der Ideen sein.
Ja. Der von dir angesprochene Satz ist nur sinnvoll, wenn man ihn als “… unterscheidet sich [in Bezug auf die Schwierigkeit] nur quantitativ …” liest. Die Trennlinie könnte allerdings weniger eindeutig sein, als es scheint.
Man könnte das Problem auch exakt andersherum angehen (siehe Heidegger: “Naturwissenschaft ist grundsätzlich mathematisch, weil sie darauf angelegt ist, mathematisch zu sein”). Irgendwo ist beides Erkenntnis und unabhängig von der Geltungsgrundlage ist beides nur gültig, wenn man in demselben Muster bleibt. Götter haben die Welt lange Zeit mindestens genauso überzeugend erklärt.
Gibt es Alternativen, die falsifizierbare Vorhersagen machen? Welche Alternative brauchen wir, um zu erklären, warum Mathematik so nützlich für die Beschreibung unserer Welt ist? Warum ist unsere Welt so unglaublich komprimierbar?
In einem sicher noch lesenswerten Essay über “Where do new ideas come from?” zitiert Gerd Gigerenzer in einem längeren Absatz Karl Popper. Hier ein kleiner, wie ich finde, sehr passender Ausschnitt:
;)