Utopia

Hier und jetzt ist der Anfang von allem, was nach uns kommt. Vielleicht werden Sonnensysteme und Galaxien einst unsere Heimat, vielleicht werden Milliarden Leben zu Trillionen, Quadrillionen oder zu einer ähnlich unvorstellbaren Zahl, so viel größer und bedeutender als alles, was jetzt ist, doch es geht nicht ohne uns. Unsere Generation hat sich Fragen und Entscheidungen zu stellen, für die es keine zweite Chance gibt. (Eine davon: Wie überleben wir die nächsten 30 Jahre, wenn fortgeschrittene Bio-, Nano- und Informationstechnologien Einzelpersonen und kleinen Gruppen enormen Einfluss geben?)

Wir Menschen unterscheiden uns nicht großartig in unseren Wünschen. Wir wollen Glück, Freude, Freiheit, Unabhängigkeit, Sicherheit, Wissen, Kreativität, Individualität, Sexualität, Freundschaft und Liebe (nun ja, Männer zumindest). Wir schätzen unser Leben, das unserer Freunde, unserer Familie und das unserer sechs Milliarden Mitmenschen. Trotzdem ziehen wir in verschiedene Richtungen, konkurrieren, intrigieren und machen generell den Eindruck, als ob wir es darauf anlegen, paradox zu handeln.

Wenn wir verstehen, welches Ausmaß die Zukunft hat, die auf dem Spiel steht, und wenn wir uns im Großen und Ganzen einig sind, was uns jetzt und für diese Zukunft wichtig ist, warum funktioniert es dann nicht besserTM?

Lugano

Warum leben wir nicht längst in Utopia, wenigstens asymptotisch?

Die Erklärung, die ich nicht glaube: Es geht nicht besser. Würde man jeden Menschen fragen, wie sehr diese Welt seinen Vorstellungen entspricht, und so zu einem Gesamtbild kommen, so gäbe es nichts, was dieses Bild dauerhaft besser machen könnte. Für diese Erklärung spricht die Anpassungsfähigkeit unseres Gehirns, die daran schuld ist, dass die meisten Änderungen unsere Gesamtzufriedenheit nicht dauerhaft verbessern. Glück ist die erste Ableitung positiver Veränderung. Aber, erstens: Lasst uns die offensichtlichen Unmenschlichkeiten dieser Welt beheben, dann können wir noch einmal darüber reden, ob es nicht besser geht. Zweitens: Manche Leute scheinen immer ein bisschen glücklicher zu sein als andere. Gene und Umwelteinflüsse legen die Biochemie unseres Gehirns fest und wir sind dabei, beides zu verstehen.

Die Erklärung, die ich gerne glauben würde: Die Probleme unserer Welt sind komplex. Wir sind auf dem Weg zu Lösungen, aber die erfordern ein gewisses Mindestmaß an Zeit und Technologie. Es wäre falsch, sich an neue Technologien zu klammern, weil diese beinahe immer zu polaren Zwecken eingesetzt werden können, aber ein Blick auf die Geschichte macht klar, dass neue Technologien Einfluss haben. Die Kombination aus omnipräsentem mobilem Web für die Massen und Suchmaschinen, die natürliche Sprache verstehen, könnte die Wissensverteilung weiter demokratisieren. Prognosemärkte (die von Google, Microsoft, HP und Intel bereits intern eingesetzt werden) könnten Teile der Politik rationaler gestalten, der Anfang der vollständigen Aufzeichnung der Menschheitsgeschichte alle kollektiven Entscheidungen.

Die Erklärung, die immer nur andere betrifft: Das sind alles egoistische Nichtsnutze, denen die Menschheit egal ist, so lange sie Familie, Job und ein halbwegs interessantes Leben haben. Unterstützt werden sie in ihrer Haltung von Wissenschaft und Wirtschaft, die Gedanken über den Lauf der Welt zugunsten kurzfristiger und handfester Resultate bestrafen. Andererseits werden gesellschaftliche Fragen gerne mal eben beim Mittagessen gelöst (wenn gerade keine Fußball-WM stattfindet) und mit zufriedenem “Tja, so müsste man’s machen” abgehakt. Zu Handlungen kommt es natürlich nicht, denn dafür bräuchte man Lösungen, die tatsächlich funktionieren, müsste herausfinden, wie man als einzelner zur Umsetzung beitragen kann, und müsste die Lösungen finden, von denen man selbst profitiert. Wozu die Menschheit retten, wenn es nicht entweder Geld, Sex oder Status bringt oder sowieso auf dem Weg zur Rettung des eigenen Lebens liegt?

Die Erklärung, die mich (und dich!) betrifft: Wir arbeiten auf Teilziele hin, die nicht direkt dem entsprechen, was wir wirklich wollen. Weil das fast jeder tut, weil verschiedene Teilziele oft gegensätzliche Aktionen erfordern und weil die Ziele selbst dann oft nicht erreicht werden, heben sich unsere Bemühungen mehr oder weniger auf. Unser Tun führt so zwar zu neuen Methoden und zu neuen Erkenntnissen über unsere Welt, die indirekt zur Realisierung unserer Wünsche beitragen können, ist aber ineffektiv und potentiell schädlich. In dem Moment, in dem wir uns einer Ideologie verschreiben, weil wir glauben, dass die Durchsetzung von deren Axiomen den Menschen das geben wird, was sie wirklich wollen, arbeiten wir an der Verbreitung der Ideologie und nicht mehr an den eigentlichen Problemen.

Chess

Glücklicherweise ist die Lösung einfach: Wir wählen in jedem Moment die Handlung, die für sich genommen am ehesten unseren Werten entspricht, anstatt uns auf eine Ideologie oder auf ein langfristiges Ziel festzulegen und darauf hinzuarbeiten.

Dummerweise funktioniert sie nicht in jedem Fall, insbesondere dann nicht, wenn wir existentielle Risiken — Katastrophen, die das Ende der Menschheit bedeuten können — in Betracht ziehen und uns der Fortbestand der Menschheit doch ein bisschen kümmert.

KI in zwei Sätzen: Die Annahme, dass wir in absehbarer Zeit auf einen relativ allgemeinen Mustererkennungsalgorithmus stoßen, der mit genügend Rechenpower die Mustererkennungs- und Vorhersagefähigkeiten des menschlichen Gehirns übertrifft, ist (für diese Art von Annahmen) weit verbreitet. Deutlich kontroverser ist die Idee, dass Algorithmen praktisch möglich sein könnten, die Veränderungen an sich selbst vornehmen, um so große Klassen von formalisierbaren Probleme bestmöglich zu lösen — unabhängig davon, wie anspruchsvoll diese Probleme sind, d.h. wie viel Intelligenz zu deren Lösung nötig ist.

Die formale Analyse der Approximierbarkeit theoretischer Modelle von Superintelligenz in unserer physikalischen Welt benötigt unsere Aufmerksamkeit, wenn wir wissen wollen, wo auf unserer Liste existentieller Risiken und Chancen maschinelles Lernen steht. Forschung auf dem Gebiet ist ein langfristiges Vorhaben, eines, das jahrelanges Lernen voraussetzt und das mit signifikanter Wahrscheinlichkeit fehlschlägt. Das ändert nichts daran, dass solche Forschung wirklich, wirklich wichtig ist.

Letzte Woche, bei Pasta und Pizza, hat Jürgen die Frage in die Runde geworfen, wie groß denn der Anteil unserer Zeit sei, den wir für das Jetzt leben, und wie groß der, den wir für die Zukunft leben. Zunächst allgemeine Übereinkunft, dass man seine Zeit wohl kaum so klar kategorisieren könne. Dann, von dem, dessen theoretische Grundlagenforschung auch in 100 Jahren noch relevant sein wird (mehr als jetzt): I don’t care about the future.

I do. Aber vielleicht macht das keinen Unterschied.

8 Kommentare

  1. Wir schätzen unser Leben, das unserer Freunde, unserer
    Familie und das unserer sechs Milliarden Mitmenschen.

    Das ist eine ziemlich idealisierte Annahme.

    Die Erklärung, die immer nur andere betrifft: Das sind alles egoistische Nichtsnutze, denen die Menschheit egal ist, so lange sie Familie, Job und ein halbwegs interessantes Leben haben.

    Egoismus ist meiner Meinung nach nicht nur die schlechte Eigenschaft “der anderen”, sondern ein Grundprinzip, welches uns von der Natur zum Überleben mit auf den Weg gegeben wurde und das keiner so leicht ohne sich selbst zu betrügen abschütteln kann. Deswegen sind Lösungsvorschläge der Art “Wenn wir alle x tun, dann wird alles besser.” auch kaum von praktischem Nutzen.

    Microsoft und Google zur Behebung der Probleme unserer Welt in einem Atemzug zu nennen ist übrigens mal eine gelungene Abwechslung ;).

    Und schöne Fotos hast du da :).

  2. Das ist eine ziemlich idealisierte Annahme.

    Beide Annahmen, die dem Hauptteil vorausgehen, sind idealisiert.

    Egoismus ist meiner Meinung nach nicht nur die schlechte Eigenschaft “der anderen”, sondern ein Grundprinzip, welches uns von der Natur zum Überleben mit auf den Weg gegeben wurde und das keiner so leicht ohne sich selbst zu betrügen abschütteln kann.

    Ja, klar. Just in case: Nicht alles wörtlich verstehen, insbesondere nicht Erklärung III.

  3. Ich habe einen Entwurf “Vom Wesen der Welt” in meinem Blog, der das gleiche Thema aufgreifen wird (aber in ein anderes Themengebiet aufschweifen wird).
    Wunderlich… zumal wir auch am selben Tag einen Eintrag über ein Buch verfasst haben :)

    Ich werde nichts inhaltliches von dir aufgreifen — *meine* Meinung steht dann in *meinem* Blog :P

    Nur eine Frage: Warum hat der sitzende Mann auf dem zweiten Foto die Augen verbunden und ist vom Geschehen abgewandt? Spielt er blind Schach, um seine Gutheit zu beweisen?

  4. Ja, Blindschach.

    Darüber, dass wir zur gleichen Zeit eine Buchempfehlung geschrieben haben, bin ich auch gestolpert.

  5. Fritz Bachtrögler am 1. January 2008, 2:17 Uhr

    Veröffentlichen im Science Fiction Club Deutschland e.V.-Print-Magazin “ANDROmeda” schlage ich vor.
    Per Aspera Ad Astra aus Wien!
    Fritz Bachtrögler (Jg. 1943)

  6. > Warum leben wir nicht längst in Utopia, wenigstens asymptotisch?

    Weil jede Utopie gleichzeitig auch eine Hölle ist -
    Seit Thomas Morus im 16 Jahrhundert mit Utopie eine “perfekte” Welt erschuf, kamen noch viele andere Utopien hinzu, die meiner Ansicht nach alle das Potential hätten, sich bei Realisierung in Dystopien zu verwandeln. Manche sehen keinerlei Privatsphäre vor, die meisten kein Eigentum, andere regelten alles (also z.B. auch familiäre Beziehungen, Berufswahl, Sexualität) bis ins kleinste Detail. Jeder utopische Entwurf birgt eine dystopische Gefahr und viele Utopien sind nichts anderes als ein gutgemeintes totalitäres System: “Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Vorsätzen”.

    Es ist durchaus auffällig, dass sich die Gegenwart durch einen gewissen Mangel an Utopien sowie einen Reichtum an Dystopien auszeichnet (Klimakatastrophe, Weltkrieg, Renaissance des Glaubens) - auf der anderen Seite scheint es manchmal besser zu sein, wenn sich eine Gesellschaft durch das definiert, was sie nicht will.

    Was mich zur Erklärung bringt, die Du vergessen hast:
    Selbstorganisation und Schwarmintelligenz: Der individuelle Mensch hat nicht sehr viel mit dem Schwarmmitglied, das er darstellt, zu tun. Ich schätze, da passiert einiges außerhalb unseres bewussten Einflussbereichs…

    Gruß,
    Michael

  7. Selbstorganisation und Schwarmintelligenz: Interessanter Punkt. Das fällt für mich an optimistischen Tagen unter Erklärung #2, “Es ist komplex (aber es wird)”. Über kurz oder lang werden wir die Mechanismen hinter derartigen Phänomenen entschlüsseln. Vielleicht ist das der Beitrag, den die Wissenschaft zu einer menschlicheren Welt leisten kann: Sie hilft uns, besser zu verstehen, warum wir so sind, wie wir sind, und warum die Welt so ist, wie sie ist.

  8. Ich hätte da vielleicht eine interessante Utopie: Wie wäre es denn, wenn man die Reifequotienten unserer Hierarchien deutlich unterhalb der 5-Prozent-Grenze halten könnte. Der Reifequotient gibt den prozentuellen Anteil derjenigen Mitarbeiter an, welche offensichtlich keine vernünftige Arbeit mehr leisten. Bei einem Reifequotienten von 100 Prozent beispielsweise ist eine Hierarchie reif dafür, den Löffel abzugeben.

    Ein sehr amüsantes und aufschlussreiches Buch gibt es übrigens zu dem Thema:
    „Die Hierarchie der Unfähigen“ von Laurence J. Peter
    Eine Kurzfassung gibt es unter
    http://private.freepage.de/hame/peter.htm

    Ja und last not least, auch ich selbst hab da eine politische Utopie. Dazu müsst ihr nur auf meinen Namen klicken.

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