Was bleibt?

Was bleibt vom Menschen, wenn er die Möglichkeit hat, selbst zu bestimmen, was ihn antreibt? Kleine Änderungen im Motivationssystem unseres Gehirns haben große Änderungen in unserem Verhalten und Denken zur Folge. Wenn wir selbst bestimmen könnten, welche Aktivitäten und Stimuli welche Gefühle verursachen, wären wir freier, als wir es so je sein können. Die Möglichkeit zu solchen Veränderungen ist nicht fern — und wird verändern, was es heißt, ein Mensch zu sein.

Wenn wir Nahrung zu uns nehmen, trinken oder Sex haben, wird in unserem Gehirn der Neurotransmitter Dopamin freigesetzt. Was auch immer wir dann gerade tun, sehen und fühlen, Dopamin verknüpft es mit einem Gefühl von Glück und Belohnung und führt so dazu, dass wir, wenn unser Dopaminspiegel wieder auf einem niedrigeren Level ist, diese Sinneseindrücke und Aktivitäten wiederholen wollen. Dopamin ist der Grund dafür, dass wir ein Verlangen danach haben, uns ein Stück Pizza in den Mind zu schieben, es zu kauen und zu schlucken.

Schon wenn wir die knusprig braune Schinken-Thunfisch-Pizza vor uns sehen, wird im Hypothalamus, dem Steuerzentrum für alles, was unbewusst in unserem Körper abläuft, etwas Serotonin freigesetzt. Mit den ersten Bissen und den damit aufgenommenen Kohlenhydraten steigt der Serotonin-Level im Hypothalamus weiter an, ein Gefühl der Zufriedenheit breitet sich aus. Wenn Schokolade glücklich macht, dann deswegen, weil sie Tryptophan enthält, eine Aminosäure, aus der im zentralen Nervensystem Serotonin aufgebaut wird. Serotonin führt dazu, dass es uns gefällt, zu essen.

Wenn wir selbst bestimmen könnten, wonach wir verlangen und was uns gefällt, beispielsweise indem wir regulieren, wann welche Neurotransmitter freigesetzt werden, hätten wir ein Maß an Kontrolle über unser Leben, das alles überschreitet, was man durch Selbstdisziplin erreichen kann. Wenn das, was wir wollen, weil es zu unseren Überlebenschancen im Sinne der Evolution beiträgt und deswegen als “gut” in unseren Genen verdrahtet ist, nicht im Einklang mit dem ist, was wir bewusst wollen, könnten wir es ändern.

Wir könnten das Verlangen nach sozialem Status und die Beeinflussbarkeit durch den sozialen Status anderer abschalten und unbeeinflusst von Autoritätsdenken objektiver denken und handeln. Wir könnten damit aufhören, Menschen unbewusst danach zu beurteilen, wie symmetrisch ihr Gesicht ist, wie sehr es dem Durchschnitt entspricht und wie sehr das Verhältnis zwischen Taillen- und Hüftumfang dem entspricht, das unsere Gene bei Menschen des anderen Geschlechts am liebsten sehen. Wir könnten uns dafür entscheiden, die romantische Liebe für einen Partner nie enden zu lassen (ein ausgeglichener Oxytocinspiegel wäre ein Anfang). Wir könnten Wissen zur aufregendsten Sache der Welt machen, zu etwas, wonach wir mehr Verlangen haben als nach allem anderen. Wir könnten dafür sorgen, dass wir in allem Sinn sehen — oder in nichts.

Unsere Gene legen die Konfiguration fest, die bestimmt, mit welchen Gefühlen wir auf welche Stimuli reagieren, wonach wir verlangen und was uns gefällt. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Ausstattung dem entspricht, was wir als bewusste, nicht oder nicht ausschließlich an der Weiterverbreitung unserer Gene interessierte Wesen wählen würden, wenn wir die Wahl hätten.

Was von uns bleibt, wenn wir die Wahl haben, ist, wer wir wirklich sind.

11 Kommentare

  1. Hi Andreas,

    ich habe mir auch schon des öfteren über das “Bewertungssystem” unserer Handlungen Gedanken gemacht - wenn auch in anderem, nicht so tiefsinnigem Kontext - und habe deinen Eintrag daher mal als Anlass für einen Beitrag meinerseits genommen: Motor unserer Handlungen.

    Allerdings glaube ich, dass eine Person, die die Möglichkeit hat, sein eigenes Bewertungssystem beliebig auszurichten, sich sehr schnell für alles mögliche belohnen wird und so zum Junky vegetiert, anstatt zu einem wissenshungrigen Super-Brain. Stell dir nur mal eine Maschine vor, die auf diese Weise programmiert wird: “Versuche, größtmöglichen Reward zu ernten. Achja - du darfst selbst bestimmen, wofür du belohnt wirst.”… Wenn die Maschine noch irgendeinen “Finger rührt”, so würde mich das doch stark wundern ;).

    So long,
    Lucas

  2. Selbst wenn man konservativ ist, was Prognosen über den Fortschritt der Neurowissenschaften angeht, muss man davon ausgehen, dass wir über eher kurz als lang unser internes Motivationssystem beeinflussen werden können. Wird eine Mischung aus Nootropika und Superstimuli das Ende der Menschheit bedeuten? Würdest du zum dauerbelohnten Nichtstuer werden, wenn du Änderungen an deinem Motivationssystem vornehmen könntest?

  3. Eine Beeinflussung des Motivationssystems ist ja ohne weiteres schon heute möglich, Stichwort Drogen. Doch wer setzt LSD, Meskalin & Co. schon ein, um sich für Lerntätigkeiten zu belohnen?
    Desweiteren stelle ich mir eine gezielte Belohnung für das Erreichen höherer Ziele im Gegensatz zur willkürlichen Beeinflussung und Ausschüttung von Neurotransmittern auch mit modernen neurowissenschaftlichen Methoden als nicht triviale Aufgabe vor. Das heißt nicht, dass es nicht möglich wäre… Doch da stell ich mir die Frage: Was treibt dich an, morgens aufzustehen und allerlei mögliche Dinge zu tun? Ist es nicht, weil du es absolut unbefriedigend findest, den ganzen Tag im Bett zu liegen und auf den Tod zu warten? Jeder tut doch nur das, von dem er glaubt, dass es ihm die größtmögliche Chance auf ein Glücklichwerden beschert. Wenn ich das Glück “for free” bekomme, nimmt das nicht allem Handeln seine Bedeutung?

  4. Deswegen meine Frage: “Würdest du zum dauerbelohnten Nichtstuer werden, wenn du Änderungen an deinem Motivationssystem vornehmen könntest?”

    Ich würde alles daran setzen, nicht so zu werden, eben weil die Bedeutung einer Handlung nicht auf das daraus resultierende Glücksgefühl beschränkt ist. Praktisch heißt das, dass ich, selbst wenn ich mein Motivationssystem dahingehend beeinflussen könnte, dass es nicht weniger befriedigend für mich wäre, den ganzen Tag im Bett zu liegen als aufzustehen und Dinge zu tun, ich das nicht tun würde. (Tatsächlich fürchte ich, dass mein Motivationssystem es bereits jetzt viel zu gerne sieht, wenn ich morgens liegen bleibe und die erste Vorlesung verpasse.)

  5. Auch wenn ich kein Freund von Möglichkeiten bin, mithilfe derer sich der Mensch selbst zerstören kann, würde ich nicht sagen, dass unsere Vorstellungen und Ziele lediglich von einem Motivationssystem auf hormonaler Basis abhängen, das sich durch Drogen wie LSD oder Weiterentwicklungen davon beeinflussen lässt. Auch jetzt finden wir manche Reaktions- und Denkmuster, die tief in uns verankert sind, nicht sonderlich prickelnd - sonst gäbe es diesen Eintrag vermutlich nicht. Allerdings finden wir sie nicht auf oberflächlicher Glücksgefühlebene “nicht sonderlich prickelnd”, sondern auf moralischer.

    Verbessert mich, wenn ich aus neurowissenschaftlicher Sicht Falsches sage - aber ich schätze mal, dass selbst im hedonistischsten Teil unserer Gesellschaft ein Funken von dem Zeug steckt, das Leute davon abhalten würde, zu Glückshormonjunkies zu verkommen.

  6. Äh, was ich hauptsächlich schreiben wollte und vergessen habe:
    Kann der Menschheit zugute kommen, kann aber auch das Gegenteil bewirken. Wer etwas nicht durch Selbstbeherrschung zu erreichen versucht hat, wird es nicht sehr wollen.

  7. Natürlich sehe ich auch die Diskrepanz, die zwischen gewissen hormonell gesteuerten und anderen Antrieben besteht, die wir vielleicht als rational, moralisch, etc. bezeichnen würden. Allerdings finde ich es auch naiv zu behaupten, dass diese daraus resultierenden Handlungen selbstlos oder frei von unterbewusst gesteuerten Zielsetzungen sind. In meiner vielleicht etwas pessimistisch ernüchternden Welt kann Handlung nur darauf beruhen, eine Befriedigung des eigenen Geistes zu erlangen. Nehmen wir z.B. ein so ehrenvolles Gefühl wie Mitleid für Schwächere und daraus resultierende Handlungen, die wir vielleicht als selbstlos bezeichnen würden. Auch hierbei geht es nur um die Befriedigung eines Gewissens, welches sich mit Sicherheit evolutions- und neurobiologisch begründen lässt.
    Die Gründe für die komplexen Handlungen einer kulturell so weit entwickelten Spezies wie die des Menschen sind nicht so offensichtlich und einfach zu erklären wie die triebgesteuerten Handlungen, welche einem nackten Überleben dienen. Trotzdem jagt jeder einem Glücksgefühl hinterher.
    Vielleicht kann ich mit einer kleinen Analogie zu einem Experiment zur Planungs-Fähigkeit bildlicher machen, was ich meine. Bestimmt kennt ihr die einfache Versuchsanordnung, bei der ein Tier vor einen Zaun gesetzt wird, hinter dem sein Futter liegt. Ein so einfach gestricktes Huhn rennt einfach schnurstraks in Richtung Futter und gegen den Zaun. Ein etwas komplexeres Tier wie ein Hund erkennt die Situation und rennt um den Zaun herum um zu seinem Futter zu gelangen. Wichtig dabei ist: Er entfernt sich dabei zunächst vom Futter! Die Ziele, Handlungen und Wege des Menschen sind wesentlich komplexer und vollstrecken sich über einen wesentlich längeren Zeitraum, weshalb die einzelnen Handlungen vielleicht nicht so leicht einem übergeordneten Ziel zuzuordnen sind und isoliert betrachtet kein “schnelles Glück” verschaffen.

  8. Deswegen meine Frage: “Würdest du zum dauerbelohnten Nichtstuer werden, wenn du Änderungen an deinem Motivationssystem vornehmen könntest?”

    Um noch eine Antwort auf deine Frage zu liefern… Ich weiß nicht, in wie fern sich das einfache Motivationssystem unseres Urinstinkts von dem Motivationssystem, welches für komplexe Handlungen zuständig ist, trennen lässt. Würden nur ein paar Urtriebe abgestellt, so könnte ich mir sogar ein schöneres Leben vorstellen.
    Da wir hier jedoch maßgeblich von abstrakten und höheren Zielen reden, müssten schon grundlegende Veränderungen am gesamten System her…
    Für mich geht jede Bedeutung des Handelns verloren, wenn die Ziele des Handelns willkürlich und durch das Handeln selbst bestimmt werden können. Wie ein Spiel, bei dem der Spieler, der am Zug ist, die Spielregeln neu bestimmen kann. Vielleicht würde ich nicht von heute auf morgen dahinvegetieren, aber ich befürchte, eine Gesellschaft wäre insgesamt stark gefährdet… Daher meine Antwort: Über kurz oder lang: “Ja”.

  9. Auch wenn das oberste Ziel die — relativ gesehen — komplexe Befriedigung des Geistes ist, so wird diese doch kaum durch bloße Euphoriegefühle erreicht. Man würde vielmehr seine eigenen Werte untermauern und seinen Körper vielleicht durch die oben beschriebene Manipulation dazu bringen, das Aufstehen um 6 Uhr morgens als überaus befriedigend zu empfinden. Wenn wir uns momentan auf dem Terrain des Herumschraubens an Verlangen und Lust und ähnlichen menschlichen Treibstoffen befinden, ist es eigentlich egal, ob unser Ziel nun Guter-Mensch-Sein oder Befriedigung heißt — wenn uns hormonelle Prozesse, die sich im Laufe der Evolution bewiesen haben, am Erreichen dessen behindern.

  10. Man kann nicht durch irgendein “Mittel” bestimmen, was man will - denn letztendlich wird es immer das Mittel selbst sein.
    Wenn man sich dann noch aussuchen kann, wie man an das Mittel kommt wird man eine starke Tendenz haben, den kürzesten Weg einzuschlagen.

    Wenn die Verabreichung durch irgend etwas anderes reguliert wird, welches frei von der Sucht nach diesem Mittel ist, könnte man durchaus erfolgreich sein, wäre jedoch in totaler Abhängigkeit zu diesem Etwas…

    Meine Meinung dazu ist, dass wir Menschen einfach noch nicht bereit für soviel Selbstbestimmung sind. Falls wir die Selbstdisziplin hätten, das Mittel immer richtig einzusetzen, dann bräuchten wir keines…

  11. Weil dieser Einwand (glaube ich) noch nicht gebracht wurde:
    Wie soll diese Beeinflussung des Motivationssystems eigentlich von statten gehen? Pillen? Da hätte ich Problem damit: Stichwort soziale Gerechtigkeit: ohne Geld = keine Pillen = schlechtere Chancen = kein Geld

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