Stolz auf Deutschland
Dank sozialen Netzwerken können sich 200.000 Leute innerhalb von zwei Tagen selbstorganisieren und was fangen wir damit an? Eine StudiVZ-Fußballfaninitiative.
Many people feel that they don’t have important things to care about. People like to feel important, and they like to talk about things that matter. Unfortunately, talking about things that matter tends to bring up a lot of thorny, difficult questions and issues. Often the answers are unpleasant, and people don’t like things that are unpleasant. Thus the subject of sports acts as an empty, meaningless alternative to the real issues that exist in the world.
Wir verschwenden unsere Möglichkeiten auf die denkbar bedeutungsloseste Weise.

Mit deinem Posting hast du mich buchstäblich um ein paar Minuten überholt.
Aber glaubst du denn nicht, dass die Mehrheit der Menschen auf der Welt eine Gelegenheit braucht, um sich einander verbunden zu fühlen und kollektiv ihre Leben zu verschwenden? Dass sie, selbst wenn es von heute auf morgen keinen Sport mehr gäbe, sich etwas anderes suchen würde?
Wir (oder jedenfalls die meisten von uns) verschwenden unsere Möglichkeiten bedeutungslos, aber wenigstens nutzen wir sie nicht aus, um Schaden anzurichten. Meinst du, dass es jemals so sein wird, dass sich 221.002 Leute zusammentun, um auf etwas Sinnvolles (ihre eigene Zerstörung mal ausgenommen) hinzuarbeiten? Vernetzung verändert die Menschen nicht.
Ich glaube, dass die Mehrheit der Menschen etwas braucht, um sich miteinander verbunden zu fühlen und dass sie, selbst wenn es von heute auf morgen keinen Sport mehr gäbe, sich etwas anderes suchen würde.
Ich sehe wenig Grund dafür zu glauben, dass das etwas sein muss, das an sich bedeutungslos ist. Wahrscheinlich muss es bestimmte Kriterien erfüllen um den Platz einzunehmen, der vom Jäger-und-Sammler-Stammeszugehörigkeitsgefühl frei gemacht wurde. Zum Beispiel könnte die Möglichkeit der Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen nötig sein, aber selbst damit bleibt so viel Sinnvolles.
Für größere Bewegungen, die Veränderung bewirken [wollen], gibt es historische Beispiele, ebenso für “Lasst uns was Sinnvolles tun”-Internetinitiativen (bei Reddit, Anonymous). Beides zusammen ist vorstellbar.
Die tatsächlichen Konsequenzen solcher Bewegungen vorherzusagen ist problematisch. Dennoch würde ich eine Welt bevorzugen, in der das gemeinsame Gefühl “Es könnte auch anders sein und es liegt an uns” die Position von Selbstzweck-Identifikationsmechanismen wie Fußball einnimmt.
Ich bin unglaublich erleichtert, dass wenigstens einer in meiner Umgebung meine Gedanken ausspricht. Vielen Dank für den Eintrag.
Es ist genau das, was in dem Artikel beschrieben steht: Der Sportler muss noch nicht mal aus dem Land/der Stadt kommen. Nur der Fakt, dass er/sie FÜR dieses Land oder diese Stadt antritt ist entscheidend. Was steckt psychologisch nur dahinter? Haben wir so wenig Gemeinschaftsgefühl, dass wir selbst solch niedere Anlässe wie ein verdurstender Hund aufnehmen? Oder ist es die Aufmerksamkeit, die uns als Individuum durch die bewusste Identität mit etwas zuteil wird? Ich denke schon so lange darüber nach, aber ich komme einfach nicht über die - nicht mal auf alle zutreffende - Antwort hinweg, dass Sport bewusst die Massen von den wirklichen Problemen ablenkt. Als Verkäuferin oder was weiß ich interessierst du dich wohl seltener für Politik oder Weltgeschehen, weil dich dein eigenes mühsames Leben einnimmt. Deswegen glaube ich auch nicht, dass viel anderes den Status von Sport einnehmen kann. Es ist so mit das Einzige, das Wettbewerb zwischen Ientitäten erzeugt und gleichzeitig vom stressgeplagten Alltag und der Realität ablenkt. Umwelt, Politik, organisierte Bewegungen - all das ist Realität; Sport und besonders das Gefühl der Wichtigkeit dieses Themas ist Illusion.
Aber der Mensch ist einsam. Und wenn plötzlich die Menschen um ihn herum sich vereinigen, würde es ihm im Traum nicht einfallen, sich zu isolieren.
Fußball. Germany’s Next Topmodel. Popstars. Big Brother.
Es geht darum, einer Partei anzugehören, um nicht Teil der anderen zu sein. Darum, eine Kunstwelt zu schaffen und sich einzureden, dass das Geschehen in ihr wichtig ist. Es geht noch nicht mal darum, wer für welches Land auftritt. Es geht nicht um die Identität selbst, sondern um Identifikationsmechanismen. Dieser Selbsttäuschung ist man sich völlig bewusst und geht dennoch nicht dagegen vor. Warum?
Auch jetzt gibt es andere Möglichkeiten, sich zu profilieren, und diese stehen allen offen – aber werden sie denn gewählt? Vielleicht ist der Rest unserer europäischen Welt in unseren Augen zu sehr in Ordnung, als dass man etwas ändern müsste, denn schließlich ist alles besser, als es je zuvor gewesen ist.
Schätze die “Them or us”-Entwicklungsstufe ist sogar bestimmt evolutionstechnisch begründbar. Siehe Morris zB. Sonst wären wir auch nicht da wo wir sind. Sogar die Ablehnung führt ja wieder zu einer kuscheligen Gruppenbildung ;-). Und mit Bildungsgrad hat das schon mal rein garnix zu tun. Die Prozesse sind sogar in real exitierender Wissenschaft zu finden. Eine andere Frage ist es, ob das im Abgeraffel der eigenen bekannten entwicklungspychologischen Stufen (Kohlberg 3.Stufe? Clare Graves? Spiral Dynamics=blau? andere?) eine notwendige Entwicklungstufe ist oder ob sie überspringbar ist. Wahrscheinlich muss man da in irgend einer Form durch, und seis indem man sich dadurch definiert das man nur Leute akzeptabel findet die Fussball blöd finden. ;-) Soweit ich vage weiss ist aus der Moralforschung (siehe Kohlberg) jedenfalls bekannt das selten jemand so um die zwanzig Kohlberg Stufe 5 ist. ;-) Tückisches Thema. Ich schick lieber noch n Smiley hinterher. :-]
Noch eins (ich kann nicht wiederstehen ;-) ): das Gefühl unglaublich erleichtert zu sein nicht alleine zu sein mit seiner Meinung deutet ja leider darauf hin das man den Virus in sich trägt. Zur eigenen, vielleicht abweichende Meinung und Wahrnehumg mit einem Achselzucken Jahre, vielleicht Jahrzehnte ganz entspannt zu stehen ist nicht allen gegeben. Siehe Milgram oder dieses Dings mit der Wahrnehmung von verschiedenen Längen. Komm nicht auf den Namen. Jetzt halt ich aber auch die Klappe.
Konformität nach Asch ;)
Aber ich vermisse irgendwie auch eine Schlagzeile à la “Łukasz Podolski aus Gliwice sichert deutschen Sieg gegen Polen”. Eventuell hilft gegen die aktuelle Situation wirklich nur Kommunikationsguerilla. Die Öffentlichkeit mit Sportarten, Weltmeisterschaften, Religionen oder absurden politischen Aktionen überladen, sodass niemand mehr weiß, wer “die anderen” sind und nur noch die Wahl bleibt: angesichts der Informationsflut und Trivialität kollabieren oder klar kommen (klar kommen im kantschen / aufklärerischen Sinne natürlich ^^).
Ah, ja danke. - Genau: soweit ich das verstehe werden Entwicklungsebenen immer nur transzendiert wenn fette Wiedersprüche auftreten. Podolski ist insofern ein Meistör dör Transzendenz und Stachel im Fleisch der Regression! ;-)
@Immi: naja, Aufklärung provozieren ist ungefähr so wie: Sei mal spontan!
Alleine zu sein mit seiner Meinung deutet in den meisten Fällen darauf hin, dass man falsch liegt. (Es sei denn, man sieht weiter als andere, aber wie hoch ist der Prozentsatz derjenigen Menschen, die das tatsächlich tun, unter denen, die es meinen? Der Umkehrschluss ist natürlich trotzdem nicht zulässig.)
You see? ;-) - Aber man kann die “Logik” in sozio”logischen” Belangen auch zu weit treiben. Stammhirn rulez immer noch.
Soziologie ist aber gerade deshalb so pseudowissenschaftlich, weil sie Logik beansprucht und irgendwas schwammig-glibbriges praktiziert. Kohlberg hat auch Grenzen, weißt du?
Aha. ;-)
Cori, wenn die Mühe entscheidet, dass wir Tätigkeiten ohne Bedeutung denen vorziehen, die wir für wichtig halten, gibt es dann etwas, das gleichermaßen wenig Mühe macht und das wir für bedeutungsvoller halten als Sportfantum?
Alex, wenn die Pseudoidentifikation mit einer Gruppe sich gut anfühlt, ist es dann vielleicht Risikoaversion, die davon abhält, etwas zu suchen, mit dem man sich identifizieren kann, aber das sich nur möglicherweise gut anfühlt?
Siggi, selbst wenn der Wir-gegen-die-Trieb verankert ist, lässt er sich vielleicht für bedeutungsvollere Zwecke nutzen?
Wenn “gut anfühlen” der Wert ist, nach dem man sich richtet, dann ist es nicht Risikoaversion, sondern eine rationale Entscheidung.
Was sich auf einer Ebene “gut anfühlt” kann von jemandem auf einer anderen Ebene als “unlogisch” beurteilt werden. Empfehle Clare Graves oder einfach nur Piaget.
“wenn der Wir-gegen-die-Trieb verankert ist, lässt er sich vielleicht für bedeutungsvollere Zwecke nutzen?”
Bestimmt. Das ist ja in der Geschichte zu genüge praktiziert worden. Instrumentalisierung des Stammhirns. Aber wer löst die Relation “bedetungsvoller als” eindeutig? Womit wir beim Thema Existential Risk sind.
(Bedeutungsvoller als etwas auf jeder moralischen Ebene bedeutungsloses ist so ziemlich alles. Gibt es eine Ebene, auf der Fußball moralischen Wert besitzt?)
Aber klar doch. Scheinbare Entwicklung zeichnet sich dadurch aus, das es die Errungenschaften einer “niederen” Entwicklungsebene nicht wertschätzen kann. Nochmal: Clare Graves.
Alex, in dem Fall wäre es beides. Risikoaversion beschreibt Präferenzen, Rationalität das Handeln entsprechend dieser Präferenzen.
Siggi, genügt es nicht, für jeden das als bedeutungsvoll zu erklären, was er bei näherem Nachdenken “wirklich wichtig” nennen würde? Praktisch jeder würde ähnlich Denkende finden.
Unterscheidest du gerade zwischen Pseudoidentifikation und richtiger Identifikation? Dann definiere letztere, bitte.
“Risikoaversion beschreibt Präferenzen, Rationalität das Handeln entsprechend dieser Präferenzen.”
Right. Innerhalb einer Entwikclungsebene kann ich vollkommen “logisch” handeln aber für jemanden auf einer davor oder danachliegenden Ebene unlogisch scheinen. Beispiel Piaget (kognitiver Enticklungsstrang): KoOp vs. FormOp.
Die Sachlage wird erschwert, weil Menschen versch. Entwickllngsebenen an versch. KOntexte koppeln. Frag mal n Rechtsanwalt. ;-)
Finden se ja auch. Siehe StudiVZ. Oder Singularität. Oder “schlau sein”.
Problem ist nur das der Faktor Macht an Gruppen gekoppelt ist, die jeweilige Entwicklungsebenen vertreten.
Alex: Identifikation mit etwas, das man für nicht beliebig hält, für nicht austauschbar, für mehr als eine Selbsttäuschung, die man sich jederzeit bewusst machen kann. Moralisch motivierte Identifikation fällt für mich unter richtige Identifikation.
Siggi, hast du irgendeinen Text, der die empirischen Resultate zusammenfasst, die Kohlbergs Entwicklungsebenen zugrunde liegen?
Google is your friend. Oder jede gut sortierte UB. Aber Kohlberg beschreibt ja nur einen Strang der Entwicklung. Es gibt ja einige andere, wie Piaget (kognitive) oder Clare Graves (eher Rollen). Dem ganzen Themenkomplex ist wohl gemein, das es Stufen gibt. Das ist nicht so banal wie es klingt, wie man ja an solchen Diskussionen erkennen kann. Randnotiz: Piaget hat mal irgendwo angemerkt das nur ca 8% der westlichen Bevölkerung die FormOp Stufe erreichen. Im Rest der Welt siehts da noch düsterer aus. Also seid stolz auf so ein bischen Fussball (ritualisierte Stammeszugehörigkeit). Das könnte weitaus blutiger aussehen. ;-)
Frag’ mal einen Fan, wie austauschbar Fußball für ihn ist.
Aha 2 ;-)
Alex, die Unterscheidung zwischen tatsächlicher und Pseudoidentifikation habe ich gemacht, um einen Namen für die hier eingeführte Idee der bewussten Selbsttäuschung bezüglich der Austauschbarkeit des Identifikationsobjekts zu haben. Ich bin mir nicht sicher, wie weit verbreitet das wirklich ist.
Das ist mir klar, aber mir ist nicht klar, ob man da tatsächlich strikt trennen kann. Ob es (außer von außen oder, wie Herr Becker jetzt sagen würde, aus einer anderen Entwicklungsebene heraus) einen Unterschied macht, ob man sich in Bezug auf seine Werte (deren Entstehung hier mal nicht Thema ist) oder in Bezug auf künstlich geschaffene Werte mit irgendetwas identifiziert.
(Off Topic: Ein pauschales “Name: …” als Antwort in den Kommentaren ist irgendwie leserlicher als ein pauschales”Name, …”.)
Taschenbuch aus dem Junge Welt Verlag (DDR) mitte der 80er…
Irgendwo in einem Kapitel ein Bild mit blutig geschlagenen, grinsenden Borussia Dortmund Anhængern. Jeder eine Dose Bier in der Hand und darunter die Textzeile “Hauptsache Fanclub, Fussball ist Nebensache”
Das war schon immer so und auch in 1000 Jahren werden sich noch die Leute vereinen um gegen imaginære Feindbilder anzugehen.
Und wenns nur der Verein der Nachbarstadt ist.
mfg