Zen und die Kunst, Wissenschaft zu betreiben

Es geht um den Sinn des Lebens, verspricht die Rückseite des Buches. Um eine Motorradreise durch Amerika, schreibt ein Rezensent. Um die Geschichte der Philosophie, meint ein anderer. Die Selbstfindung des Protagonisten. Die Selbstfindung des Lesers. Die Entwicklung unserer Gesellschaft. Ich habe “Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten” gelesen — und für mich ging es um Wissenschaft.

Cover

Hier handelt es sich um eines der Bücher, die man als Leser sofort auf das eigene Leben bezieht. Im Grunde tun wir das bei jeder Lektüre (und jedem Film), doch bei manchen fällt es deutlich leichter als bei anderen. Kein Wunder also, dass jeder Leser etwas Anderes aus dem Text heraus- oder vielmehr in ihn hineinliest. Kein Wunder auch, dass ich sofort von der Relevanz der Aussagen für Wissenschaft und (KI-)Forschung überrascht war.

Doch liegt es nur an mir? Oder in der Natur des Buches? Ich plädiere für letzteres und habe zu meiner Unterstützung einige Textausschnitte [1] gesammelt:

Über Geister, Wissenschaft und den Geist der Wissenschaft:

Das Problem, der Widerspruch, der den Wissenschaftlern so zu schaffen macht, ist der Geist. Der Geist hat weder Materie noch Energie, aber sie kommen nicht daran vorbei, daß er alles beherrscht, was sie tun. Logik existiert im Geist. Zahlen existieren nur im Geist. Ich rege mich gar nicht auf, wenn Wissenschaftler sagen, Gespenster existieren im Geist. Aber an dem nur stoße ich mich. Auch Wissenschaft existiert nur im Geist, bloß wird sie dadurch nicht schlechter. So wenig wie die Gespenster.

Über die Natur wissenschaftlicher Experimente:

Ein Experiment ist niemals bloß deshalb ein Fehlschlag, weil es nicht zu vorhergesagten Resultaten führt. Ein Experiment ist erst dann ein Fehlschlag, wenn es nichts über die Richtigkeit der aufgestellten Hypothese aussagt, wenn die Daten, die es erbringt, weder in der einen noch in der anderen Richtung etwas beweisen.

Über die Grenzen der wissenschaftlichen Methode:

In Wirklichkeit steht man vor der großen Unbekannten, der Leere allen abendländischen Denkens. Man braucht irgendeine Idee, irgendwelche Hypothesen. Die herkömmliche wissenschaftliche Methode hat es leider nie so weit gebracht, daß sie einem sagen würde, wie man es anstellen soll, neue Hypothesen zu finden. Die herkömmliche wissenschaftliche Methode ist seit jeher überwiegend nach rückwärts gewandt. Sie ist brauchbar, wenn man wissen will, wo man gewesen ist. Sie ist brauchbar, wenn man die Wahrheit dessen überprüfen will, was man zu wissen glaubt, aber sie kann einem nicht sagen, wohin man gehen soll, es sei denn, man braucht nur in der bisherigen Richtung weiterzugehen. Kreativität, Originalität, Erfindungsreichtum, Intuition, Phantasie — mit anderen Worten: alles, was verhindern könnte, daß man immer wieder einmal “festsitzt” — liegen völlig außerhalb ihrer Reichweite.

Doch nicht nur die direkt wissenschaftsbezogenen Aussagen sind hier zu nennen. Auch die Beschreibungen des Wesens der Menschen sind höchst interessant, auch in Hinblick auf den Umgang mit Memen wie Singularität und Transhumanismus:

Über Fanatismus:

Sein mangelnder Glaube an die Vernunft war der Grund dafür, daß er so fanatisch für sie eintrat. Man verschreibt sich nie einer Sache, an der man nicht die geringsten Zweifel hat. Kein Mensch verkündet fanatisch, daß morgen die Sonne aufgehen wird. Man weiß, daß sie morgen aufgehen wird. Wenn Menschen sich mit Haut und Haaren politischen oder religiösen Überzeugungen oder irgendwelchen anderen Dogmen oder Zielen verschreiben, so stets deshalb, weil diese Dogmen oder Ziele zweifelhaft sind.

Über die Suche nach Selbstbestätigung:

Die Kinder machten natürlich mit viel mehr Begeisterung mit, wenn man ihnen Ziele setzte, die der Selbstbestätigung dienten, aber letzten Endes wirkt solche Motivation destruktiv. Jedes Streben, dessen Endzweck Selbstverherrlichung ist, muß unweigerlich zur Katastrophe führen. Jetzt müssen wir dafür bezahlen. Wenn man versucht, einen Berg zu besteigen, um zu beweisen, was für ein toller Kerl man ist, schafft man es fast nie. Und wenn, dann ist es ein Pyrrhussieg. Damit der Sieg nicht verblasst, muß man immer wieder auf andere Arten seine Tüchtigkeit beweisen, immer und immer und immer wieder, ständig bestrebt, einem falschen Idealbild gerecht zu werden, geplagt von der Angst, daß dieses Bild nicht wahr ist und jemand dahinterkommen könnte.

Über Qualität [2]:

In gewissem Sinne definiere der Student durch seinen Qualitätsbegriff sich selbst, sagte er. Die Meinungen über Qualität gingen nur deshalb auseinander, nicht weil die Qualität mal so und mal so sei, sondern weil jeder Mensch andere Erfahrungen mitbringe. Er halte es für denkbar, daß zwei Menschen mit identischen apriorischen Analogien Qualität in jedem Einzelfall identisch bewerten würden.

Ebenfalls einen zweiten Blick wert sind die Erläuterungen zu Gehirn und Wahrnehmung:

Über selektive Wahrnehmung:

Wir können unmöglich all diese Dinge bewußt wahrnehmen und im Gedächtnis behalten, weil unser Kopf dann so mit unnützen Einzelheiten vollgestopft wäre, daß wir keinen klaren Gedanken mehr fassen könnten. Aus dieser Vielfalt an Dingen, von deren Existenz wir wissen, müssen wir eine Auswahl treffen, und was wir auswählen und Bewußtsein nennen, ist nie dasselbe wie die Dinge selbst, denn durch das Auswählen werden sie verändert. Wir nehmen eine Handvoll Sand aus der endlos weiten Landschaft, die uns umgibt, und nennen diese Handvoll Sand “Welt”.

Und noch einmal, etwas später im Buch:

Wenn wir beispielsweise mit den Augen zwinkern, melden uns unsere Sinneseindrücke, daß die Welt verschwunden ist. Doch diese Mitteilung wird ausgesiebt und gelangt erst gar nicht in unser Bewußtsein, weil wir die apriorische Vorstellung haben, daß die Welt Kontinuität besitzt.

Textfragmente können natürlich nur einen kleinen Teil des Bildes zeigen, das Robert M. Pirsig mit dem Buch entwirft. Und was für mich von Bedeutung ist, mag anderen eher nebensächlich erscheinen. Letzten Endes wird sich selbst an die 443 Seiten wagen müssen, wer an der Gedankenwelt des Autors teilhaben will. Vielleicht haben einige der Ausschnitte Interesse geweckt.

[1] Robert M. Pirsig: “Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten”. Fischer (Tb.), Frankfurt, 1978, ISBN 3596220203.

[2] Qualität ist der zentrale Begriff des Buches. In einer “Metaphysik der Qualität” soll die Verbindung von Kunst und Technik, von Geist und Materie statt finden. Das dualistische Weltbild soll überwunden werden.

Ein Kommentar

  1. […] was man zu wissen glaubt, aber dass sie einem nicht sagen kann, wohin man gehen soll, wusste schon Robert M. Pirsig. Das ist nicht […]

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