Thema: Leben

Dringende Züge

Es kommt vor, dass man bei Go all die kleinen Kämpfe gewinnt und am Ende das Spiel verliert, weil das Gesamtbild nicht passt. Keine der lokalen Plänkeleien ist eine Herausforderung — zwei, drei Steine, nichts Großartiges. Ein wenig schränkt man so ein, wie man sich auf dem Spielfeld weiter entwickeln kann, aber das ist kaum spürbar. Außerdem ist jeder der Züge dringend notwendig!

Mit jedem gesetzten Stein füllt sich das Spielfeld weiter, immer mehr wird dringend notwendig und wir machen weiter, weil die kleinen Siege befriedigen. Erst dann, wenn schon fast alles zugebaut ist, wird klar, dass das, was man gewonnen hat, ein erstaunlich kleiner Teil des Spielfelds ist.

Entscheidungsfrei

Passage

Wann wurdet ihr so gut darin, professionell und automatisch jeden Tag ein Stück vergangenes Leben zu produzieren? Kennt ihr euren Weg? Manchmal meine ich, meinen zu kennen, zumindest die Richtung. Dann höre ich Manuels Vortrag beim Poetry Slam, lese, was Aaron schreibt, und bin zurück beim Ausstrecken meiner Fühler und beim Vermeiden von Einschränkungen, auf dass mein zukünftiges Ich mir dankbar sei. Wirken Lebensläufe erst im Nachhinein so eindeutig — und so beliebig?

Distractions

Don’t get too good at anything which is not central to what you want to do. The world in general and capitalism in particular will find ways to convince you that you should spend your time doing what you do well. The more you know, the better, because any particular approach might fail, but make sure you don’t set up motivational systems that work against you.

(I don’t do programming anymore.)

Utopia

Hier und jetzt ist der Anfang von allem, was nach uns kommt. Vielleicht werden Sonnensysteme und Galaxien einst unsere Heimat, vielleicht werden Milliarden Leben zu Trillionen, Quadrillionen oder zu einer ähnlich unvorstellbaren Zahl, so viel größer und bedeutender als alles, was jetzt ist, doch es geht nicht ohne uns. Unsere Generation hat sich Fragen und Entscheidungen zu stellen, für die es keine zweite Chance gibt. (Eine davon: Wie überleben wir die nächsten 30 Jahre, wenn fortgeschrittene Bio-, Nano- und Informationstechnologien Einzelpersonen und kleinen Gruppen enormen Einfluss geben?)

Wir Menschen unterscheiden uns nicht großartig in unseren Wünschen. Wir wollen Glück, Freude, Freiheit, Unabhängigkeit, Sicherheit, Wissen, Kreativität, Individualität, Sexualität, Freundschaft und Liebe (nun ja, Männer zumindest). Wir schätzen unser Leben, das unserer Freunde, unserer Familie und das unserer sechs Milliarden Mitmenschen. Trotzdem ziehen wir in verschiedene Richtungen, konkurrieren, intrigieren und machen generell den Eindruck, als ob wir es darauf anlegen, paradox zu handeln.

Wenn wir verstehen, welches Ausmaß die Zukunft hat, die auf dem Spiel steht, und wenn wir uns im Großen und Ganzen einig sind, was uns jetzt und für diese Zukunft wichtig ist, warum funktioniert es dann nicht besserTM?

Lugano

Warum leben wir nicht längst in Utopia, wenigstens asymptotisch?

Die Erklärung, die ich nicht glaube: Es geht nicht besser. Würde man jeden Menschen fragen, wie sehr diese Welt seinen Vorstellungen entspricht, und so zu einem Gesamtbild kommen, so gäbe es nichts, was dieses Bild dauerhaft besser machen könnte. Für diese Erklärung spricht die Anpassungsfähigkeit unseres Gehirns, die daran schuld ist, dass die meisten Änderungen unsere Gesamtzufriedenheit nicht dauerhaft verbessern. Glück ist die erste Ableitung positiver Veränderung. Aber, erstens: Lasst uns die offensichtlichen Unmenschlichkeiten dieser Welt beheben, dann können wir noch einmal darüber reden, ob es nicht besser geht. Zweitens: Manche Leute scheinen immer ein bisschen glücklicher zu sein als andere. Gene und Umwelteinflüsse legen die Biochemie unseres Gehirns fest und wir sind dabei, beides zu verstehen.

Die Erklärung, die ich gerne glauben würde: Die Probleme unserer Welt sind komplex. Wir sind auf dem Weg zu Lösungen, aber die erfordern ein gewisses Mindestmaß an Zeit und Technologie. Es wäre falsch, sich an neue Technologien zu klammern, weil diese beinahe immer zu polaren Zwecken eingesetzt werden können, aber ein Blick auf die Geschichte macht klar, dass neue Technologien Einfluss haben. Die Kombination aus omnipräsentem mobilem Web für die Massen und Suchmaschinen, die natürliche Sprache verstehen, könnte die Wissensverteilung weiter demokratisieren. Prognosemärkte (die von Google, Microsoft, HP und Intel bereits intern eingesetzt werden) könnten Teile der Politik rationaler gestalten, der Anfang der vollständigen Aufzeichnung der Menschheitsgeschichte alle kollektiven Entscheidungen.

Die Erklärung, die immer nur andere betrifft: Das sind alles egoistische Nichtsnutze, denen die Menschheit egal ist, so lange sie Familie, Job und ein halbwegs interessantes Leben haben. Unterstützt werden sie in ihrer Haltung von Wissenschaft und Wirtschaft, die Gedanken über den Lauf der Welt zugunsten kurzfristiger und handfester Resultate bestrafen. Andererseits werden gesellschaftliche Fragen gerne mal eben beim Mittagessen gelöst (wenn gerade keine Fußball-WM stattfindet) und mit zufriedenem “Tja, so müsste man’s machen” abgehakt. Zu Handlungen kommt es natürlich nicht, denn dafür bräuchte man Lösungen, die tatsächlich funktionieren, müsste herausfinden, wie man als einzelner zur Umsetzung beitragen kann, und müsste die Lösungen finden, von denen man selbst profitiert. Wozu die Menschheit retten, wenn es nicht entweder Geld, Sex oder Status bringt oder sowieso auf dem Weg zur Rettung des eigenen Lebens liegt?

Die Erklärung, die mich (und dich!) betrifft: Wir arbeiten auf Teilziele hin, die nicht direkt dem entsprechen, was wir wirklich wollen. Weil das fast jeder tut, weil verschiedene Teilziele oft gegensätzliche Aktionen erfordern und weil die Ziele selbst dann oft nicht erreicht werden, heben sich unsere Bemühungen mehr oder weniger auf. Unser Tun führt so zwar zu neuen Methoden und zu neuen Erkenntnissen über unsere Welt, die indirekt zur Realisierung unserer Wünsche beitragen können, ist aber ineffektiv und potentiell schädlich. In dem Moment, in dem wir uns einer Ideologie verschreiben, weil wir glauben, dass die Durchsetzung von deren Axiomen den Menschen das geben wird, was sie wirklich wollen, arbeiten wir an der Verbreitung der Ideologie und nicht mehr an den eigentlichen Problemen.

Chess

Glücklicherweise ist die Lösung einfach: Wir wählen in jedem Moment die Handlung, die für sich genommen am ehesten unseren Werten entspricht, anstatt uns auf eine Ideologie oder auf ein langfristiges Ziel festzulegen und darauf hinzuarbeiten.

Dummerweise funktioniert sie nicht in jedem Fall, insbesondere dann nicht, wenn wir existentielle Risiken — Katastrophen, die das Ende der Menschheit bedeuten können — in Betracht ziehen und uns der Fortbestand der Menschheit doch ein bisschen kümmert.

KI in zwei Sätzen: Die Annahme, dass wir in absehbarer Zeit auf einen relativ allgemeinen Mustererkennungsalgorithmus stoßen, der mit genügend Rechenpower die Mustererkennungs- und Vorhersagefähigkeiten des menschlichen Gehirns übertrifft, ist (für diese Art von Annahmen) weit verbreitet. Deutlich kontroverser ist die Idee, dass Algorithmen praktisch möglich sein könnten, die Veränderungen an sich selbst vornehmen, um so große Klassen von formalisierbaren Probleme bestmöglich zu lösen — unabhängig davon, wie anspruchsvoll diese Probleme sind, d.h. wie viel Intelligenz zu deren Lösung nötig ist.

Die formale Analyse der Approximierbarkeit theoretischer Modelle von Superintelligenz in unserer physikalischen Welt benötigt unsere Aufmerksamkeit, wenn wir wissen wollen, wo auf unserer Liste existentieller Risiken und Chancen maschinelles Lernen steht. Forschung auf dem Gebiet ist ein langfristiges Vorhaben, eines, das jahrelanges Lernen voraussetzt und das mit signifikanter Wahrscheinlichkeit fehlschlägt. Das ändert nichts daran, dass solche Forschung wirklich, wirklich wichtig ist.

Letzte Woche, bei Pasta und Pizza, hat Jürgen die Frage in die Runde geworfen, wie groß denn der Anteil unserer Zeit sei, den wir für das Jetzt leben, und wie groß der, den wir für die Zukunft leben. Zunächst allgemeine Übereinkunft, dass man seine Zeit wohl kaum so klar kategorisieren könne. Dann, von dem, dessen theoretische Grundlagenforschung auch in 100 Jahren noch relevant sein wird (mehr als jetzt): I don’t care about the future.

I do. Aber vielleicht macht das keinen Unterschied.

Perspektive

Jupiter, Vesta und die MilchstraßeJupiter, Vesta, and the Milky Way (1, 2, 3)

Etwa 100 Milliarden Sonnen bilden unser Milchstraßensystem, eine der größeren Galaxien. In unserem Universum gibt es ungefähr 100 Milliarden Galaxien. Die Gesamtzahl der Sterne wird auf 1021 geschätzt. 1.000.000.000.000.000.000.000 Sonnen. Entweder wir sind die ersten oder nicht, das eine so bestechend wie das andere.

Um Leben und Tod

Ein Blick in die langweiligere Version der Zukunft verrät, was jeden von uns erwartet. Trist.

Death

Ich bin noch nicht vielen intelligenten Menschen begegnet, die ernsthaft der Meinung sind, dass der unfreiwillige Tod langfristig Teil unserer menschlichen Gesellschaft sein sollte. Das hier ist ein Ausschnitt einer dieser seltenen Diskussionen.

Warum sollten wir überhaupt Interesse daran haben, länger zu leben?

Sollten wir nicht. Aber wenn wir Interesse daran haben, sollten wir nicht gezwungen sein, gegen unseren Willen zu sterben.

Ich habe Interesse. 85 Jahre sind nichts.

Eine Leben reicht gerade so, um ein, vielleicht zwei Gebiete wirklich gut kennenzulernen — so gut, dass man an die Grenzen des bekannten Wissens stößt und selbst Neues entdecken kann. Für manche Gebiete — und es liegt leider nahe, dass das Verständnis unseres Gehirns dazu zählt — werden 85 Jahre nicht für vollständiges Verständnis reichen. Ich will nicht eine Vielzahl von Gebieten nur oberflächlich kennen — und ich will nicht am Ende meines Lebens nur über Wahrscheinlichkeitstheorie Bescheid wissen. Oder nur Komplexitätstheorie. Nur Quantenphysik. Biochemie. Psychologie. Poesie. Astronomie. Musik. Philosophie.

Ich will die Welt im Zusammenhang verstehen, nicht zentimeterweise.

Ich will die Zukunft sehen, alles was noch vor uns liegt. Die Menschheit hat gerade erst angefangen, sich aus eigenem Antrieb heraus zu entwickeln. Fast alle großen menschengemachten Veränderungen stammen aus den letzten 1000 Jahren. Die einflussreichsten davon aus den letzten 100 Jahren. Wo sind wir in noch einmal 100 Jahren? 1.000? 100.000?

Und es geht nicht nur um Neugierde. Es geht auch um das Zusammensein mit anderen Menschen. Warum sollen sich Wege für immer trennen, nur weil eine biologische Uhr abgelaufen ist?

Um nicht sterben zu wollen, muss man den Tod nicht fürchten. Es genügt, wenn man sein Leben mag.

Was, wenn du in hohem Alter an einem Punkt angelangt bist, an dem du den Tod als “an der Zeit” ansiehst?

Dann kann ich mich immer noch umbringen.

Allerdings sind die Alterungsprozesse, die uns dazu bewegen, den Tod für als “an der Zeit” zu akzeptieren, Teil des Problems. Ein objektives “an der Zeit” gibt es nicht. Subjektiv würde ich nicht wollen, dass ich mich so entwickle, dass ich es für an der Zeit halte, meinen Bewusstseinsstrom unwiderruflich zu beenden — vor allem dann nicht, wenn wahrscheinlich ist, dass das, was mich zu der Entscheidung geführt hat, der langsame aber stetige Abbau meiner geistigen Fähigkeiten war. Statt mehr lernen zu können, je älter wir werden, nehmen unsere kognitiven und körperlichen Fähigkeiten immer weiter ab.

Du möchtest nicht eines Tages an den Punkt kommen, den Tod zu akzeptieren? Wieso sollte das, was du dann meinst, weniger Wert haben, als das, was du jetzt meinst?

Du möchtest nicht eines Tages an den Punkt kommen, den Mord an Kindern zu genießen? Wieso sollte das, was du dann meinst, weniger Wert haben, als das, was du jetzt meinst?

Ich werde mehr erlebt haben, mehr wissen und das, was ich dann glaube, wird im Allgemeinen näher an der Wahrheit liegen als das, was ich jetzt glaube. Ich will und werde mich verändern. Dennoch gibt es Richtungen, in die ich mich aus jetziger Sicht nicht verändern möchte.

Führt Lebensverlängerung nicht zu furchtbarer Überbevölkerung?

Nein. Entweder Kinder bekommen oder selbst länger leben.

Ist der Tod denn nicht zu irgendwas gut?

Als Art wären wir ohne den Tod nicht da, wo wir heute sind, keine Frage. Ohne Tod keine Evolution. Dass der Tod nötig war, um hierher zu kommen, heißt nicht, dass wir uns nicht überlegen können, ob es ohne geht. Es würde zur weiteren Evolution des menschlichen Immunsystems mehr beitragen, auf die Behandlung von Krankheiten zu verzichten. Wenn wir all diejenigen sterben lassen, die an einer Lungenentzündung leiden, brauchen wir in 10.000 Jahren deutlich weniger Grippemedikamente.

Pragmatisch betrachtet: An welcher Stelle erklären wir das Ziel der Medizin erreicht und forschen nicht weiter? Wenn alle Krankheiten heilbar, alle Leiden behandelbar sind? Projekte wie SENS, die das Altern bekämpfen wollen, wird es auch dann noch geben. Bleiben die erfolglos, so ist die Diskussion hinfällig. Bleiben die nicht erfolglos, so wird sich die Diskussion um die Notwendigkeit des Todes von selbst regeln: Diejenigen, die an die Notwendigkeit des Todes glauben, werden sich früher oder später aus der Diskussionsrunde rausselektieren.

Denkwürdiges VII

“Gramma was 77-years old, which is still young in my opinion. I think it’s wonderful that she lived a reasonably long and full life, but her death still seems like such a waste. A lot of rationalizing goes on during times like these; we are socialized to feel less saddened by the death of an elderly person than, say, the death of a child. This kind of thinking disguises the fact that every death is a terrible tragedy.

And then there’s that whole aging process. Aging doesn’t just kill us, it kills us horribly. Sitting next to my mother-in-law in the hospital I was outraged — outraged at all those who feel we shouldn’t interfere with the aging process; outraged at all those who obstruct research into life extending medical technologies; outraged at all those who are blind to horrors of aging.” — George Dvorsky

Darum.

Ich schaue in den sternenschwarzen Himmel und sehne mich nach mehr. Mit dem Nachtwind ein Hauch des Möglichen, vibrierendes Leben statt Leere. Jahrmillionen statt ein Jahrhundert. Nebenan schreit ein Kind. Wir werden geboren, blinzeln, heben den Kopf und noch bevor uns klar wird, was wir da gesehen haben, ist es vorbei. Manchmal Spuren einer Ahnung von dem, was hätte sein können. Es hat wieder nicht gereicht.

Kollektiver Wahnsinn. Sollen in 200 Jahren noch immer Menschen gegen ihren Willen sterben? 10,000 Generationen haben wir für immer verloren. Hunderttausend Millionen mal der Geschmack von Leben, Augenblicke lang Licht, dann nichts. Hunderttausend Millionen mal: Ich liebe dich. Der Abgrund in Sichtweite, stetig näher kommend. “Für immer” sind 50 Jahre.

Verdammt, tut endlich was.

Eure Apathie macht mir Angst. Im 16. Jahrhundert geboren zu werden und zu realisieren, dass keine Hoffnung auf mehr besteht, keine Hoffnung darauf, die Daseinsgrenzen zu verschieben, wäre Grund zur Verzweiflung. Wir leben im 21. Jahrhundert. Morgendämmerung berührt den Horizont der Menschheitsgeschichte und ihr haltet euch die Augen zu und begeht Selbstmord.

Hier stehen wir, mit unseren Eitelkeiten und Dummheiten, mit unserer Sehnsucht und Liebe, und wir ahnen. Frühstücken, ein paar Dinge erledigen, schnell, Schlagzeilen, Schlaf, weiter. Hauptsache weiter. Die, die noch nicht betäubt sind, ahnen manchmal, dass es so viel anders sein könnte. Dass die Momente der Klarheit, des Wunsches nach Ewigkeit, nicht Minuten später Vergangenheit sein müssten.

Aber auch das wird vorbei gehen, wenn wir es nur fest genug ignorieren.

Denkwürdiges III

“Vielleicht sind wir die erste Generation, der dämmert, dass Tod nicht sein müsste und dass damit das einmalige Potential eines Menschen nicht vor seiner Entfaltung erlöschen muss. Wenn, ja wenn nicht der Mahlstrom der Mittelmäßigkeit seit je jeden Versuch aus dem Gefängnis der Konsenshypnose auszubrechen mit sagen wir Unverständnis in allen seinen kreativen Spielarten belohnen würde.” — Siggi Becker