Thema: Psychologie

Mehr Entropie

Wie beeinflusst es unser Denken, wenn wir auf mehr unerwartete Informationen stoßen als gewohnt? Angenommen, auf dem Desktop erscheint jede Minute ein anderes, zufällig aus den 2,3 Millionen englischen Wikipedia-Artikeln ausgewähltes Thema und dazu eine kurze Beschreibung. Ist die einzige Auswirkung davon, dass wir uns noch leichter von dem ablenken lassen, was wir erreichen wollen?

Oder gibt es Tätigkeiten, auf die es sich positiv auswirkt, eine Vielzahl unterschiedlicher Erinnerungen kurz zu aktivieren (Priming), so dass mit diesen verbundene Konzepte in der darauf folgenden Zeit für Assoziationen zur Verfügung stehen, bei denen sie sonst möglicherweise nicht aufgerufen worden wären?

Mac-User können das selbst ausprobieren:

  1. GeekTool installieren.

  2. random_wiki.py herunterladen.

  3. python /path/to/random_wiki.py

    als Shell-Kommando zu GeekTool hinzufügen.

  4. cat /tmp/random_word

    als Shell-Kommando zu GeekTool hinzufügen.

Metaphern

Wirklich Neues gibt es nicht. Es gibt lediglich Ideen, zu deren Erreichen wir eine größere Zahl an Inferenzschritten benötigen als für andere. Das Lösen einer Mathe-Aufgabe für Drittklässler unterscheidet sich nur quantitativ von der Erkenntnis, dass Ort und Impuls eines Teilchens niemals gleichzeitig exakt bestimmt werden können.

Das, was uns durchgedacht und zugeschnürt vorgesetzt wird, mögen wir akzeptieren, aber wir werden es niemals verteidigen. Null Inferenzschritte. Nur das, was wir selbst entdecken, machen wir uns zu eigen. Wenn wir bereits Ideen absorbieren, für die wir uns ohne Überzeugung und von der Endidee ausgehend Argumente ausdenken, wie viel stärker fühlen wir uns dann zu Ideen hingezogen, die wir selbst erdacht haben?

Wissenschaft funktioniert, weil jede Veröffentlichung (hoffentlich) Daten enthält, von denen aus wir den letzten Inferenzschritt selbst vollziehen können. Kunst funktioniert, weil sie Ideen nimmt und von dort aus einige Inferenzschritte rückwärts geht.

In einer Welt idealer Rationalisten macht es keinen* Unterschied, ob die letzten gedanklichen Schritte selbst ausgeführt oder fertig präsentiert werden. In unserer Welt dagegen ist es leicht, mich von einer Idee zu überzeugen. Ich muss die Idee dazu nur als meine eigene ansehen.

Schrödingers Traum

Ist die Art, wie wir über Träume reden, fundamental irreführend?

Wir wachen auf und erzählen davon, wie wir eine zeitlich und räumlich zusammenhängende Geschichte erlebt haben. Wir erinnern uns an das, was uns und den Menschen, die wir tagsüber oder vor 10 Jahren gesehen haben, in unserer lila-weißen Traumwelt passiert ist. Erinnerung impliziert, dass da etwas ist, was vor dem Moment des Erinnerns da war.

Wenn wir uns daran erinnern, dass die letzten 10 Traumminuten auf das perfekt in den Traum integrierte Weckerklingeln ausgerichtet waren — ist die räumliche und zeitliche Struktur unseres Traumes dann mehr als eine im Moment des Aufwachens erdachte Erklärung für die Aktivität der Nervenzellen, die wir durch unser Erwachen beim Reorganisieren ertappt haben?

(Wenn ja: Wie lässt sich das experimentell für “normale” Träume zeigen? Wenn nein: Wie passen luzide Träume in dieses Bild?)

Information, context and why nerds don’t get small talk

Writing a letter

I just wrote my first letter in ten years and it felt strange. The blue liquid flowing out of my pen and onto the thin sheet of cellulose in front of me. The cell walls of a dead tree, now functioning as a kind of disposable monitor. The paper soaked with watery circles and lines, clearly one of the most wasteful ways to store one kilobyte of plain text. In a few minutes, on my way to the Christmas market, I will put this unlikely storage medium in a yellow box next to the sidewalk, knowing that tomorrow, someone will pick it up, drive it across Germany and bring it not to the addressee, but to yet another box where she will show up, sooner or later. This takes roughly 100.000 times as long as an e-mail.

E-mail is less awkward, but not by far. Part of me enjoys typing really fast, probably due to having seen too many hacker movies in my teenage years. The rest of me snickers at the idea of moving muscles and bones, pushing fingertips on black plastic, in order to transmit information from one system using electrical signals to another one. For each bit that makes its way from my head into my computer, I move a billion billion billion electrons when one would suffice.

Each intermediate step in the process of information transmission creates borders between us and makes our conversations less intimate. Bandwidth is growing, delays and barriers are going away (the final barrier being the conversion from semantics to syntax and back).

In 2007, writing a letter is like playing with mud and electricity because you are hungry and it can’t take that long until something akin to an apple tree evolves.
 
Like taking money out of your bank account and giving it away minutes later in exchange for the thing you really wanted even if you could have paid with your EC card, because you always did it this way.
 
Like taking pictures with your old analog camera and scanning them later on, because style is not defined in pixels per cm2.
 
Like writing a letter, because the textual content was little more than an envelope, because what you actually said was “I care”, and because the most efficient way would have been the least effective.

What appears to be context may be information, what appears to be information may be context. The failure or refusal to accept the unspoken social contract that defines which is which is one of the main reasons why nerds are socially inept. Think small talk.

Distractions

Don’t get too good at anything which is not central to what you want to do. The world in general and capitalism in particular will find ways to convince you that you should spend your time doing what you do well. The more you know, the better, because any particular approach might fail, but make sure you don’t set up motivational systems that work against you.

(I don’t do programming anymore.)

Wahrheit und Glück

Wenn wir vermuten, dass es vergangenes Glück nie gegeben hätte, wenn wir realistischer gedacht hätten, sind wir dann gut beraten, Wahrheit auch in Zukunft für Glück aufzugeben?

Sokrates

Auf der Suche nach Wahrheit sollten wir Welt- und Menschenbilder in dem Moment verwerfen, in dem wir merken, dass es uns schwer fällt, Hinweise dafür zu finden, dass sie die Welt besser beschreiben als konkurrierende Ideen. Weil das, was wir momentan glauben, beeinflusst, mit wem wir zu tun haben, welche Informationen wir an uns heran lassen und wie wir Nachrichten interpretieren, sollten wir dem unguten Gefühl im großen Denkknäuel umso mehr Aufmerksamkeit schenken.

Die Realität ist, wie sie ist, unabhängig davon, was wir glauben (und das ändert sich auch nicht dadurch, dass die Autorin eines der populärsten amerikanischen Bücher der letzten Monate das Gegenteil behauptet). Die meisten von uns können nicht vermeiden, im Laufe ihres Lebens der Wahrheit näher zu kommen, sei es in Bezug auf Wissenschaft, Beziehungen oder Menschen im Allgemeinen. Insofern ist es sinnvoller, wenn wir falsche Einstellungen nicht zunächst verteidigen und uns langsam zurückziehen, sondern mit jedem gegenteiligen Indiz die Wahrscheinlichkeit unserer Ideen nach unten korrigieren und unplausible Theorien so früh wie möglich verwerfen. Wenn das bedeutet, zu verstehen, dass Zynismus in manch ungemütlicher Hinsicht Realismus ist, müssen wir auch das akzeptieren (oder private Inseln schaffen, auf denen andere Regeln gelten — aber dem Willen von Welt und Evolution widersetzt man sich nicht leicht und selten auf Dauer).

Menschen sind zu anpassungsfähig, als dass uns kurzfristiges Unglück abschrecken sollte, insbesondere nicht dann, wenn es auf längere Sicht zu mehr Wahrheit und damit zu einer höheren Chance darauf führt, unsere Ziele zu erreichen. Wir gewöhnen uns an praktisch jede Änderung so weit, dass unsere Lebenszufriedenheit nach einiger Zeit der vor der Veränderung entspricht. Wir gewöhnen uns an Klassen von Veränderungen, egal ob Tod (nun ja, zumindest an den anderer Leute — beim eigenen bleibt wenig Gewöhnungszeit), Trennung oder andere Traumata, indem wir abrufbare Verhaltensmuster entwickeln und vermutlich gewöhnen wir uns auch an den Gesamtpegel an Veränderungen in unserem Leben.

In den Augenblicken, in denen wir die Götter nicht dafür verfluchen, dass gerade diese Anpassungsfähigkeit uns gegenüber den Tragödien dieser Welt blind macht, sollten wir ihnen danken, denn manche Veränderungen sind endgültig. Manche Dinge kann man nur einmal sagen und so meinen. Das rettet unser Handeln vor Bedeutungslosigkeit; der Wert dessen, was wir tun, liegt in den Dingen, auf die wir dafür verzichten. Dinge, für die man nichts aufgeben würde, sind nichts wert. Es ist nicht die Hochzeitszeremonie, die dem “Ja, ich will” so viel Wert verleiht, sondern das Wissen, dass wir mit den Worten manche Freiheiten für jemand anderen und für immer aufgeben (oder, wenn wir sie wiedererlangen wollen, das nur unter mittelschweren gesellschaftlichen Strafen tun können).

Was wahr ist ändert sich nicht dadurch, dass wir anderer Meinung sind oder dadurch, dass wir es ignorieren. Das, was wir tun, wird durch das bedeutungsvoll, was wir nicht tun. Glück braucht Bedeutung um nicht leer zu sein, Bedeutung braucht Wahrheit um überhaupt zu existieren. Sowohl Glück als auch Unglück sind Teil unserer Welt und je besser wir diese Welt verstehen, desto mehr Einfluss haben wir auf sie.

The Demons of Belief

Paul ChurchlandIf you tend to be uncontrollable and violent, if you make unnatural sounds and movements, if you are often sick or vomit unusual objects and if your friends tell you that you live a wicked life, it is probably because you are possessed by a demon. Showing your supernatural strength and your friendship with the devil might give it away, too. “You are possessed by Choronzon, the temporary personification of the raving forces of the Abyss” clearly is an explanation for unusual behavior.

Nonetheless I do not believe in demons. The concept of demons is lousy at explaining what goes on in ill minds and has been replaced by psychological theories that, albeit less colorful, have much greater explanatory power. Nothing that exists in the real world has been shown to inhabit the causal position that was attributed to demons with regard to mental “misbehavior”.

Eliminative materialists deny that beliefs are any more real than demons. According to Paul Churchland, beliefs and other propositional attitudes don’t refer to anything in the real world. Nothing has the causal and semantic properties we attribute to beliefs, therefore these concepts will eventually be replaced by a theory of mind that explains our actions, thoughts and sensations a lot better than folk psychology and that is based on empiricism rather than introspection. Weiterlesen »

Sinneswandel

Intelligenz macht es einfach, überzeugende Argumente für die absurdesten Dinge zu finden. Wer sich zuerst auf eine Schlussfolgerung festlegt und dann nach Argumenten sucht, hat noch nicht verloren. Nur die Ausgangsposition auf der Suche nach einem realistischen Bild von Welt und Zukunft hat sich verschlechtert. Es gibt tausende von Astrologen, Scientologen und Parapsychologen, die an ihrer Version der Realität festhalten und Indizien, die gegen ihre Sicht der Welt sprechen, ignorieren.

Andererseits hat jede wissenschaftliche Revolution in den Köpfen einzelner Personen angefangen und sich oft nur langsam ausgebreitet. Die Tatsache, dass eine Idee unpopulär ist, sagt nichts über ihren Wahrheitsgehalt aus. Es gab eine Zeit, als die vorherrschende Meinung war, dass die Erde eine Scheibe sei. Ein großer Teil der in unserer Gesellschaft herumschwirrenden Ideen kann einfach nicht wahr sein — allein aus dem Grund, dass sie sich gegenseitig widersprechen.

Nicht eine Person ist Anhänger einer Idee, die sie für falsch hält. Niemand will einer Randgruppe angehören, die ihrer Version der Realität hinterherläuft. Niemand will Irrtümer und irrationalen Handlungsweisen übernehmen, nur weil sie weit verbreitet sind. Rationales Denken, evolutionäre Psychologie und Entscheidungstheorie können einige offensichtliche Fehler eliminieren, aber Sicherheit gibt es nicht.

Seine Meinung nicht zu äußern hat den Vorteil, dass man nicht so schnell Gefahr läuft, an einer falschen Einstellung festzuhalten, weil das Ändern der Meinung ohne “Ich habe Blödsinn geredet”-Eingeständnisse leichter ist. Und den Nachteil, dass man nicht merkt, wenn man Blödsinn denkt.

Wer die Wahl zwischen zwei Weltbildern hat, wird sich das Weltbild zu eigen machen, das es ihm erlaubt, so weiterzuleben wie bisher und sich dabei gut zu fühlen.