Thema: Sinn

Dringende Züge

Es kommt vor, dass man bei Go all die kleinen Kämpfe gewinnt und am Ende das Spiel verliert, weil das Gesamtbild nicht passt. Keine der lokalen Plänkeleien ist eine Herausforderung — zwei, drei Steine, nichts Großartiges. Ein wenig schränkt man so ein, wie man sich auf dem Spielfeld weiter entwickeln kann, aber das ist kaum spürbar. Außerdem ist jeder der Züge dringend notwendig!

Mit jedem gesetzten Stein füllt sich das Spielfeld weiter, immer mehr wird dringend notwendig und wir machen weiter, weil die kleinen Siege befriedigen. Erst dann, wenn schon fast alles zugebaut ist, wird klar, dass das, was man gewonnen hat, ein erstaunlich kleiner Teil des Spielfelds ist.

Entscheidungsfrei

Passage

Wann wurdet ihr so gut darin, professionell und automatisch jeden Tag ein Stück vergangenes Leben zu produzieren? Kennt ihr euren Weg? Manchmal meine ich, meinen zu kennen, zumindest die Richtung. Dann höre ich Manuels Vortrag beim Poetry Slam, lese, was Aaron schreibt, und bin zurück beim Ausstrecken meiner Fühler und beim Vermeiden von Einschränkungen, auf dass mein zukünftiges Ich mir dankbar sei. Wirken Lebensläufe erst im Nachhinein so eindeutig — und so beliebig?

Der Raum des Möglichen

Ich bin Determinist und jede Sekunde entscheide ich mich zwischen unzähligen Handlungen. Mit der Einsicht, dass Lazy Reason nicht alltagstauglich ist, bleibt nur nicht fassbare Freiheit.

The infinite possibilities each day holds should stagger the mind. The sheer number of experiences I could have is uncountable, breathtaking. And I’m sitting here refreshing my inbox. We live trapped in loops. reliving a few days over and over, and we envision only a handful of paths laid out ahead of us. We see the same things each day, we respond the same way, we think the same thoughts, each day a slight variation on the last, every moment smoothly following the gentle curves of societal norms. We act like if we just get through today, tomororrow our dreams will come back to us. — xkcd

In einer Welt, die ohne vorgegebenen Sinn einfach existiert, erfinden wir uns und das, was wir als sinnvoll ansehen, auf dem Weg in die Zukunft. Jegliche Gründe, Ziele und Zwecke jenseits der biologischen erschaffen wir selbst. Aus “Wie soll ich handeln?” wird “Wer will ich sein?” und “In welcher Welt will ich leben?”.

Mit jeder Handlung machen wir aus dem aktuellen Zustand unserer Welt einen anderen. Der Raum aller möglichen Zustände ist die Menge der Zustände, die keine physikalischen Gesetze verletzen. Denkbar ist eine astronomische Zahl, wünschenswert sind die wenigsten davon. Die Menge der Zustände, die bewusstes Leben enthalten, macht nur eine winzige Ecke im Raum aller möglichen Zustände aus. Unsere Welt ist ein Punkt irgendwo in dieser Ecke.

Unsere Position im Raum aller möglichen Zustände

Manche Zustände unterscheiden sich stärker voneinander als andere. Der Zustand der Welt, in der die Tasse Tee neben mir zwei Zentimeter weiter links steht, liegt näher am aktuellen als der, in dem sich die Tasse in einen feuerspeienden Drachen verwandelt hat. Ein mögliches Maß für den Abstand von zwei Zuständen wäre eine Art Informationsdistanz: Die Länge oder Laufzeit des kürzesten Algorithmus, der aus einer vollständigen Beschreibung von Zustand A die entsprechende Beschreibung von Zustand B berechnet.

Indem ich mich für eine Handlung entscheide, wähle ich einen unserer Nachbarn im im Raum aller möglichen Zustände. Wie sieht die Teilmenge der Zustände aus, die vom jetzigen Zustand der Welt aus durch mein Handeln oder Nicht-Handeln erreicht werden können? Das bestimmt, welchen Einfluss ich mit meinen Entscheidungen als einzelner auf die Welt habe.

Erreichbare Zustände

Die Frage, was festlegt, welche Zustände ich erreichen kann und welche nicht, führt unmittelbar zu der Frage danach, was unsere Position im Raum aller möglichen Zustände bis jetzt am stärksten verändert hat. Die Antwort definiert, was Optimierungsprozesse sind: Systeme, die den Zustand unserer Welt auf einen kleinen Zielraum mit bestimmten Eigenschaften hin bewegen.

  • Evolution ist ein Optimierungsprozess, der Replikatoren — Bakterien, Tiere, Menschen und die Gene dahinter — durch Mutation, Rekombination und Selektion auf effektivere Vermehrung hin optimiert.
  • Ein Schachcomputer ist ein Optimierungsprozess, der aus der Vielzahl möglicher Kombinationen von Schachzügen die auswählt, die die Position der Figuren auf einem Schachbrett so verändern, dass sich die Welt in einen Zielraum mit der Eigenschaft “Der Schachcomputer gewinnt.” bewegt.
  • Menschliche Intelligenz ist ein mächtiger Optimierungsprozess, der für verschiedenste Ziele eingesetzt werden kann. Rationalität erreicht klar definierte Ziele, nonlineares Handeln die unbewussten.

Cognitive Science ist die Lehre von den Optimierungsprozessen. In Psychologie und Neurobiologie wird der effektivste bekannte Optimierungsprozess, das menschliche Gehirn, analysiert, in Mathe, Informatik, Statistik und Logik werden die methodische Grundlagen für den Bau von künstlichen Optimierungsprozessen unterrichtet.

Optimierung ist ein Vorhersageproblem. Jeder Maschine steht eine festgelegte Menge an Aktionen zur Verfügung. Um ein Ziel zu erreichen, muss die Maschine vorhersagen, welche Kombination aus Aktionen die Welt dem Zielzustand am nächsten bringt. Dass wir Menschen die Auswirkungen unserer Handlungen vorhersagen können, zeigt, dass Quanten- und Chaoseffekte bei Vorhersagen umgangen werden können, wenn man Abstriche bei der Genauigkeit der Prognosen macht.

Intelligenz ist die Fähigkeit, akkurate Vorhersagen zu treffen um Aktionsfolgen zu finden, die unsere Zukunft auf kleine, weit entfernte Regionen im Raum des Möglichen hinsteuern. Die Frage, ob künstliche Intelligenz möglich ist, lautet eigentlich: “Wie weit werden wir uns übertreffen? Wo liegen die Grenzen der Berechenbarkeit?”

Weil die Grenzen, denen wir unterliegen, universell sind, sehen wir sie nicht. Algorithmen, die Information optimal extrahieren, unterliegen keinen kognitiven Fehlern. Die unvoreingenommene Instrumentalisierung aller verfügbaren Mittel stellt einen enormen Machtzuwachs dar; als Menschen schaffen wir es oft nicht, funktionaler Fixiertheit zu entrinnen, sobald wir einmal gelernt haben, wozu etwas gut ist.

Im nächsten und letzten Schritt, der genauso unvermeidbar und unintuitiv ist wie die davor, schreiben wir Optimierungsprozesse, die den Teil ihrer selbst restrukturieren, der für das Optimieren zuständig ist. Algorithmen, die vorhersagen, welche Veränderungen es braucht, um bessere Vorhersagen zu treffen. Prozesse, die Welt auf Zielregionen hin bewegen, von denen wir nicht gedacht hätten, dass sie in unserer unmittelbaren Nachbarschaft liegen.

Wohin

Darum.

Ich schaue in den sternenschwarzen Himmel und sehne mich nach mehr. Mit dem Nachtwind ein Hauch des Möglichen, vibrierendes Leben statt Leere. Jahrmillionen statt ein Jahrhundert. Nebenan schreit ein Kind. Wir werden geboren, blinzeln, heben den Kopf und noch bevor uns klar wird, was wir da gesehen haben, ist es vorbei. Manchmal Spuren einer Ahnung von dem, was hätte sein können. Es hat wieder nicht gereicht.

Kollektiver Wahnsinn. Sollen in 200 Jahren noch immer Menschen gegen ihren Willen sterben? 10,000 Generationen haben wir für immer verloren. Hunderttausend Millionen mal der Geschmack von Leben, Augenblicke lang Licht, dann nichts. Hunderttausend Millionen mal: Ich liebe dich. Der Abgrund in Sichtweite, stetig näher kommend. “Für immer” sind 50 Jahre.

Verdammt, tut endlich was.

Eure Apathie macht mir Angst. Im 16. Jahrhundert geboren zu werden und zu realisieren, dass keine Hoffnung auf mehr besteht, keine Hoffnung darauf, die Daseinsgrenzen zu verschieben, wäre Grund zur Verzweiflung. Wir leben im 21. Jahrhundert. Morgendämmerung berührt den Horizont der Menschheitsgeschichte und ihr haltet euch die Augen zu und begeht Selbstmord.

Hier stehen wir, mit unseren Eitelkeiten und Dummheiten, mit unserer Sehnsucht und Liebe, und wir ahnen. Frühstücken, ein paar Dinge erledigen, schnell, Schlagzeilen, Schlaf, weiter. Hauptsache weiter. Die, die noch nicht betäubt sind, ahnen manchmal, dass es so viel anders sein könnte. Dass die Momente der Klarheit, des Wunsches nach Ewigkeit, nicht Minuten später Vergangenheit sein müssten.

Aber auch das wird vorbei gehen, wenn wir es nur fest genug ignorieren.