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Der Raum des Möglichen

Ich bin Determinist und jede Sekunde entscheide ich mich zwischen unzähligen Handlungen. Mit der Einsicht, dass Lazy Reason nicht alltagstauglich ist, bleibt nur nicht fassbare Freiheit.

The infinite possibilities each day holds should stagger the mind. The sheer number of experiences I could have is uncountable, breathtaking. And I’m sitting here refreshing my inbox. We live trapped in loops. reliving a few days over and over, and we envision only a handful of paths laid out ahead of us. We see the same things each day, we respond the same way, we think the same thoughts, each day a slight variation on the last, every moment smoothly following the gentle curves of societal norms. We act like if we just get through today, tomororrow our dreams will come back to us. — xkcd

In einer Welt, die ohne vorgegebenen Sinn einfach existiert, erfinden wir uns und das, was wir als sinnvoll ansehen, auf dem Weg in die Zukunft. Jegliche Gründe, Ziele und Zwecke jenseits der biologischen erschaffen wir selbst. Aus “Wie soll ich handeln?” wird “Wer will ich sein?” und “In welcher Welt will ich leben?”.

Mit jeder Handlung machen wir aus dem aktuellen Zustand unserer Welt einen anderen. Der Raum aller möglichen Zustände ist die Menge der Zustände, die keine physikalischen Gesetze verletzen. Denkbar ist eine astronomische Zahl, wünschenswert sind die wenigsten davon. Die Menge der Zustände, die bewusstes Leben enthalten, macht nur eine winzige Ecke im Raum aller möglichen Zustände aus. Unsere Welt ist ein Punkt irgendwo in dieser Ecke.

Unsere Position im Raum aller möglichen Zustände

Manche Zustände unterscheiden sich stärker voneinander als andere. Der Zustand der Welt, in der die Tasse Tee neben mir zwei Zentimeter weiter links steht, liegt näher am aktuellen als der, in dem sich die Tasse in einen feuerspeienden Drachen verwandelt hat. Ein mögliches Maß für den Abstand von zwei Zuständen wäre eine Art Informationsdistanz: Die Länge oder Laufzeit des kürzesten Algorithmus, der aus einer vollständigen Beschreibung von Zustand A die entsprechende Beschreibung von Zustand B berechnet.

Indem ich mich für eine Handlung entscheide, wähle ich einen unserer Nachbarn im im Raum aller möglichen Zustände. Wie sieht die Teilmenge der Zustände aus, die vom jetzigen Zustand der Welt aus durch mein Handeln oder Nicht-Handeln erreicht werden können? Das bestimmt, welchen Einfluss ich mit meinen Entscheidungen als einzelner auf die Welt habe.

Erreichbare Zustände

Die Frage, was festlegt, welche Zustände ich erreichen kann und welche nicht, führt unmittelbar zu der Frage danach, was unsere Position im Raum aller möglichen Zustände bis jetzt am stärksten verändert hat. Die Antwort definiert, was Optimierungsprozesse sind: Systeme, die den Zustand unserer Welt auf einen kleinen Zielraum mit bestimmten Eigenschaften hin bewegen.

  • Evolution ist ein Optimierungsprozess, der Replikatoren — Bakterien, Tiere, Menschen und die Gene dahinter — durch Mutation, Rekombination und Selektion auf effektivere Vermehrung hin optimiert.
  • Ein Schachcomputer ist ein Optimierungsprozess, der aus der Vielzahl möglicher Kombinationen von Schachzügen die auswählt, die die Position der Figuren auf einem Schachbrett so verändern, dass sich die Welt in einen Zielraum mit der Eigenschaft “Der Schachcomputer gewinnt.” bewegt.
  • Menschliche Intelligenz ist ein mächtiger Optimierungsprozess, der für verschiedenste Ziele eingesetzt werden kann. Rationalität erreicht klar definierte Ziele, nonlineares Handeln die unbewussten.

Cognitive Science ist die Lehre von den Optimierungsprozessen. In Psychologie und Neurobiologie wird der effektivste bekannte Optimierungsprozess, das menschliche Gehirn, analysiert, in Mathe, Informatik, Statistik und Logik werden die methodische Grundlagen für den Bau von künstlichen Optimierungsprozessen unterrichtet.

Optimierung ist ein Vorhersageproblem. Jeder Maschine steht eine festgelegte Menge an Aktionen zur Verfügung. Um ein Ziel zu erreichen, muss die Maschine vorhersagen, welche Kombination aus Aktionen die Welt dem Zielzustand am nächsten bringt. Dass wir Menschen die Auswirkungen unserer Handlungen vorhersagen können, zeigt, dass Quanten- und Chaoseffekte bei Vorhersagen umgangen werden können, wenn man Abstriche bei der Genauigkeit der Prognosen macht.

Intelligenz ist die Fähigkeit, akkurate Vorhersagen zu treffen um Aktionsfolgen zu finden, die unsere Zukunft auf kleine, weit entfernte Regionen im Raum des Möglichen hinsteuern. Die Frage, ob künstliche Intelligenz möglich ist, lautet eigentlich: “Wie weit werden wir uns übertreffen? Wo liegen die Grenzen der Berechenbarkeit?”

Weil die Grenzen, denen wir unterliegen, universell sind, sehen wir sie nicht. Algorithmen, die Information optimal extrahieren, unterliegen keinen kognitiven Fehlern. Die unvoreingenommene Instrumentalisierung aller verfügbaren Mittel stellt einen enormen Machtzuwachs dar; als Menschen schaffen wir es oft nicht, funktionaler Fixiertheit zu entrinnen, sobald wir einmal gelernt haben, wozu etwas gut ist.

Im nächsten und letzten Schritt, der genauso unvermeidbar und unintuitiv ist wie die davor, schreiben wir Optimierungsprozesse, die den Teil ihrer selbst restrukturieren, der für das Optimieren zuständig ist. Algorithmen, die vorhersagen, welche Veränderungen es braucht, um bessere Vorhersagen zu treffen. Prozesse, die Welt auf Zielregionen hin bewegen, von denen wir nicht gedacht hätten, dass sie in unserer unmittelbaren Nachbarschaft liegen.

Wohin

Bewusstseinserweiterung

Zunächst waren es nur einzelne. Ich glaube, es war ein Ehepaar aus einem Vorort von Neu-Delhi, das den Anfang machte. Die beiden Implantate waren nicht einmal daumengroß und sehr viel flacher. Das Prinzip war einfach: Elektrische Ströme messen, als Mikrowellen senden, andere Mikrowellen empfangen und wieder zurück in elektrische Ströme umwandeln. Die meiste Zeit hatte die Perfektionierung der Schnittstelle zwischen Nervenzellen und Siliziumchip in Anspruch genommen, danach noch zwei Jahre, um herauszufinden, dass sich zumindest bei Schimpansen ein Teil des visuellen Cortex sehr gut für das Implantat eignet.

“Weil es Grenzen gibt, die wir nie hätten überwinden können. Gefühle lassen sich nicht in Worte fassen, ohne dass das, was sie ausmacht, verloren geht. Unser Bewusstsein hätte sich nicht berühren können, nicht in der Intimität, in der es sich selbst berührt.” Das war drei Jahre nach dem medizinischen Eingriff. Was die beiden wussten und wie sie sich verhielten war auf eine Art aufeinander abgestimmt, wie es sonst nur ein einzelner Körper ist. Perfektes Verständnis, ohne dass Gedanken auf einen eindimensionalen Wortstrang reduziert wurden. Keine Privatsphäre, weil man keine Dinge vor etwas verbirgt, das Teil seiner selbst ist. Und heute? Identitäten, die den Erdball umspannen.

Unser Gehirn ist in eine rechte und eine linke Hälfte aufgeteilt und “wir” sind das Ergebnis der Arbeitsteilung der beiden Hälften. Über ein Datenkabel aus Nervenbündeln namens Corpus Callosum tauschen die beiden Teile unseres Gehirns Informationen aus. Würde mir dieses Datenkabel durchtrennt, so könnte ich nicht mehr aussprechen, was ich auf der linken Seite meines Gesichtsfeldes sehe. Diese visuellen Informationen werden an die rechte Gehirnhälfte weitergeleitet, mein Sprachzentrum befindet sich in der linken und ein Datenaustausch ist ohne Corpus Callosum nicht mehr möglich.

Und doch gibt es Menschen, die ohne Corpus Callosum geboren werden und sich normal verhalten. Bei ihnen haben die beiden Hemisphären gelernt, über weniger direkte Wege Informationen miteinander auszutauschen. Das legt nahe, dass auch bei gesunden Menschen ein Lernvorgang stattfindet, in dem die beiden Gehirnhälften lernen, was sie mit den Informationen anfangen sollen, die sie von der anderen Hälfte erhalten. Die zwei Gehirnhälften sind unabhängige kognitive Systeme, die systematisch Informationen miteinander austauschen und sich so aufeinander abstimmen.

Auch Menschen, die miteinander kommunizieren, sind kognitive Systeme, dich sich aufeinander abstimmen. Die Bandbreite gesprochener Sprache beträgt weniger als 500 Bits pro Sekunde. Das Datenkabel zwischen den Gehirnhälften überträgt jede Sekunde mehr als 100 Millionen Bits. Wenn zwei Gehirnhälften lernen können, mit derart großen Datenmengen umzugehen, warum dann nicht auch zwei oder mehr Gehirne?

Die technologischen Anforderungen für drahtlose Brain-to-Brain-Interfaces sind vergleichsweise gering, die gesellschaftlichen nicht abzusehen, wenn wir das erste Mal in der Menschheitsgeschichte verändern, was Identität bedeutet. Die Zukunft ist nicht unsere Welt mit kleineren Handys, größeren Bildschirmen und schnelleren Computern. Vielleicht ist allgemeine künstliche Intelligenz unmöglich, vielleicht wird es Eric Drexlers Nanoassembler nie geben wird und vielleicht ist unser Gehirn zu komplex, als dass wir je molekulare und psychologische Ebene umfassend miteinander verbinden können. “Achtung, radikal anders!” steht auch dann auf allen Wegweisern.

Forschung findet hinter von außen verschlossenen Türen statt. Spektrum der Wissenschaft zeigt bunte Roboter und wir wissen, dass wir von dem, was unsere Welt verändert, nichts mitbekommen, weil sich “Learning about a Categorical Latent Variable under Prior Near-Ignorance” nicht gut verkauft. Wir sitzen im selben Boot, manche rudern, und wir sehen nur, dass das Grün, das sich um den Fluss rankt, noch das gleiche ist wie gestern. Dabei hätten wir das Rauschen des Wasserfalls längst hören können.

Der Wandel der wissenschaftlichen Methode

Lukas Biewald, ehemals NLP-Forscher im Stanford AI Lab:

My job title is “Scientist”, but I never use the scientific method, at least as I remember it from 6th grade earth science where you make a hypothesis and test it with an experiment. Instead I mostly mine through data and look for patterns.

In der experimentellen Neurobiologie sieht es genauso aus, auch wenn wissenschaftliche Veröffentlichungen hier noch immer nach dem Muster “Wir hatten folgende Hypothese, haben Sie überprüft und sie hat sich als wahr herausgestellt” gestrickt sind. Mit dem tatsächlichen Alltag eines Wissenschaftlers hat das wenig gemein.

Dass die herkömmliche wissenschaftliche Methode brauchbar ist, wenn man die Wahrheit dessen überprüfen will, was man zu wissen glaubt, aber dass sie einem nicht sagen kann, wohin man gehen soll, wusste schon Robert M. Pirsig. Das ist nicht neu.

Neu ist, dass das Aufstellen von Hypothesen mehr und mehr automatisisert wird.

Beschleunigte Zeiten

Wir wissen wenig über unsere Welt, und das, was wir wissen, ist so seltsam, dass wir es meistens ignorieren. Es gibt keine objektive Zeit; für manche Beobachter geschieht A vor B, für andere B vor A. Wir können nicht feststellen, ob wir in einer Simulation leben. Wir wissen nicht, ob bewusste Beobachter sterben können, und welche Rolle sie in der Physik überhaupt spielen. Wir können nur raten, warum in diesem Universum außer uns niemand zu sehen ist.

Wir wissen wenig über die Zukunft unserer Welt, und das, was uns die Vergangenheit verrät, ist so schwindelerregend, dass wir lieber Konstanz prognostizieren. Ich bin 21 Jahre alt — als ich geboren wurde, gab es kein World Wide Web. Den Großteil meiner Schulzeit über gab es dieses eine Projekt nicht, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, jedem Menschen kostenlosen Zugang zum Wissen der Menschheit zu bieten. Als der Vater meiner Freundin geboren wurde, hatte Alan Turing noch nicht beschrieben, was Algorithmen sind. Vor nicht einmal einem Menschenleben gab es keine Computer. Ein halbes Menschenleben weiter und es gab keine Elektrizitätsversorgung. Zwei Menschenleben zuvor keine Dampfmaschinen. Drei Menschenleben weiter und wir sind im Mittelalter.

Eine Generation vor uns brauchte es tagelanges Recherchieren in Bibliotheken, um herauszufinden, ob die Menschheit die Antwort auf eine Frage hat. Heute genügen 10 Sekunden, um die Antwort auf fast jede Frage zu finden, die die Menschheit je beantwortet hat. Ein oder zwei Generationen nach uns genügen 10 Sekunden, um die Antwort auf fast jede Frage zu finden, die je beantwortet werden kann.

Wir verändern alles und merken es nicht. Blind vorwärts ging lange gut.

Darum.

Ich schaue in den sternenschwarzen Himmel und sehne mich nach mehr. Mit dem Nachtwind ein Hauch des Möglichen, vibrierendes Leben statt Leere. Jahrmillionen statt ein Jahrhundert. Nebenan schreit ein Kind. Wir werden geboren, blinzeln, heben den Kopf und noch bevor uns klar wird, was wir da gesehen haben, ist es vorbei. Manchmal Spuren einer Ahnung von dem, was hätte sein können. Es hat wieder nicht gereicht.

Kollektiver Wahnsinn. Sollen in 200 Jahren noch immer Menschen gegen ihren Willen sterben? 10,000 Generationen haben wir für immer verloren. Hunderttausend Millionen mal der Geschmack von Leben, Augenblicke lang Licht, dann nichts. Hunderttausend Millionen mal: Ich liebe dich. Der Abgrund in Sichtweite, stetig näher kommend. “Für immer” sind 50 Jahre.

Verdammt, tut endlich was.

Eure Apathie macht mir Angst. Im 16. Jahrhundert geboren zu werden und zu realisieren, dass keine Hoffnung auf mehr besteht, keine Hoffnung darauf, die Daseinsgrenzen zu verschieben, wäre Grund zur Verzweiflung. Wir leben im 21. Jahrhundert. Morgendämmerung berührt den Horizont der Menschheitsgeschichte und ihr haltet euch die Augen zu und begeht Selbstmord.

Hier stehen wir, mit unseren Eitelkeiten und Dummheiten, mit unserer Sehnsucht und Liebe, und wir ahnen. Frühstücken, ein paar Dinge erledigen, schnell, Schlagzeilen, Schlaf, weiter. Hauptsache weiter. Die, die noch nicht betäubt sind, ahnen manchmal, dass es so viel anders sein könnte. Dass die Momente der Klarheit, des Wunsches nach Ewigkeit, nicht Minuten später Vergangenheit sein müssten.

Aber auch das wird vorbei gehen, wenn wir es nur fest genug ignorieren.

Allgemeine künstliche Intelligenz

Das Gebiet der künstlichen Intelligenz ist bislang nicht weit über Schachcomputer und Suchmaschinen hinausgekommen. Es gibt Anzeichen dafür, dass wir in diesem Jahrhundert die Schwelle an Verständnis und verfügbarer Technik überschreiten werden, die es uns ermöglicht, das Phänomen Intelligenz technologisch nachzubilden. Ist allgemeine künstliche Intelligenz möglich? Wenn ja, auch wünschenswert? Read on »

Über Googles Verhältnis zu künstlicher Intelligenz

“We are scanning those books to be read by an AI”. So lauteten die Worte seiner Gastgeber, schreibt der Historiker George Dyson über seinen Besuch des Google-Hauptquartiers. Eigentlich sollte uns das nicht überraschen. Was künstliche Intelligenz angeht treffen sich Möglichkeiten und Motivation nirgendwo so direkt wie bei Google. Read on »

Denkwürdiges IV

“It seems quite natural that at every point we pay most attention to the parameters that are just about to peak, as they represent the hottest current trends. When we look back in the excitement of the moment, the whole history of the world looks like a preparation to the explosion of this particular parameter. And we completely forget that yesterday we were looking at something else with the same excitement …” — Alexander Chislenko

Die Verbreitung von Ideen

Seit wann wird im Internet die Idee einer künstlichen Intelligenz diskutiert? Wie hat sich das Interesse an neuronalen Netzen entwickelt? Und wann kam eigentlich der Begriff Singularität auf? Eine einfache Möglichkeit solche Fragen zu klären besteht darin, die Usenet-Diskussionen der letzten 25 Jahre nach diesen Themen zu durchsuchen und die Ergebnisse grafisch darzustellen. Read on »

Die Zukunft der Intelligenz

In dem Kapitel “The Future of Intelligence” aus dem Buch “On Intelligence” nimmt Jeff Hawkins Stellung zu Fragen wie der nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Baus von intelligenten Maschinen. Er erörtert, ob dies aus ethischer Sicht überhaupt erstrebenswert ist und in welchen Gebieten künstliche Intelligenz möglicherweise eingesetzt wird, sowohl in naher Zukunft als auch auf lange Sicht. Read on »